Ich verderbe ja nur ungern die Spannung, aber…

… weil mein Postfach nach langer Vernachlässigung nun überquillt vor panischen „Lebst du noch?!“-Nachrichten, muss ich mich nun doch mal melden – und offenbaren, dass ich gut in Santiago angekommen bin 🙂

Bevor ihr nun denkt „Ist die vielleicht die langsamste Pilgerin der Welt?“ sollte ich dazu erwähnen, dass dieses freudige Ereignis sich schon vor über zwei Wochen ereignete. Warum also erst jetzt ein Lebenszeichen, wo mein Arsch doch nun bestimmt wieder auf der heimischen Couch parkt?

Tja, weil ich nicht daheim bin. Genauer gesagt, befinde ich mich just in diesem Moment in Villaviciosa. Spanien- und Jakobswegkenner schreien jetzt vielleicht laut „Whaaat!?“ Villaviciosa ist eine mittelgroße Stadt in der Nähe von Gijón, das wiederum absolut nicht in der Nähe meiner diesjährigen Jakobswegroute liegt, aber, äh, naja, haltet mich für bescheuert, aber als ich die knapp 900 Kilometer des Camino francés beendet hatte… also, was liegt da näher als einfach wieder von vorne anzufangen?

Richtig gelesen: Ich habe einen Jakobsweg beendet und direkt im Anschluss einen neuen angefangen. Den Camino del Norte, um genau zu sein. Weil ich zuhause eh nichts zu tun hab. Und weil es halt grade so viel Spaß gemacht hat. Ähm… so ist das. Hüstel.

Leider gibt es auf dem Nordweg nicht so oft und viel Internet, wie man sich das wünschen würde und davor war ich mit anderen Dingen (= durch die Gegend latschen) beschäftigt, weshalb das Projekt „Liveblog“ damit leider offiziell gescheitert ist… ABER: Sobald ich zuhause bin werden die Berichte nachgereicht! Dann wird das „Live“ halt gestrichen.

Und das wird schon nächste Woche sein. Seufz. Bis dahin werde ich KEINE Fragen zu meinem Camino beantworten – erst Recht nicht zum Thema Rauchen 😀 Ein bisschen Spannung soll ja doch noch übrig bleiben!

Damit verabschiede ich mich ins Bett, es ist höchste Zeit – morgen warten ein Berg und über 40 Kilometer auf mich 😉

Liveblog 9, 7. Etappe: Estella – Los Arcos (22,2 km)

Statt einen frühen Schlaf zu genießen hatte ich gestern im Bett liegend die Fiesta mithören können, genauer gesagt: das offensichtlich richtig feudale Feuerwerk um halb 11.
Mann, hat das genervt! Ich kucke so gerne Feuerwerk, aber keine Chance, den superstrengen Hospitalero zu erweichen. Die Vordertür war vermutlich abgesperrt gewesen, daher war ich liegen geblieben, hab mir die Explosionen und am Ende noch den Jubel angehört, während alle anderen geschlafen haben.

Und jetzt war ich ziemlich fit, weil es schon 7 Uhr war. Marion war schon verschwunden, aber Simon und ich wollten uns ja das Stiertreiben ansehen.
Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, was ich von so etwas halten soll, aber da anders als beim Stierkampf meines Wissens kein Tier verletzt wird, ist es wohl okay. Ansehen, wenn man schon mal da ist… joah, kann man machen!

Zu uns gesellte sich Tarek, ein Deutschtürke, der mir am Abend davor mit seinem Gitarrenspiel und schönen Gesang aufgefallen war. Sobald er allerdings normal redete, wirkte er ein wenig, naja… simpel.
Wir gingen etwas verspätet los und waren daher in Eile, vor allem, weil ein Spanier mir dringlich zu verstehen gab, dass in Spanien oft die Uhren etwas anders gehen, ein STIERTREIBEN allerdings pünktlich beginnen würde. Wir gingen auf dem Camino zurück und fanden eine kleine Traube Menschen, zu denen wir uns dazu gesellten, nachdem sie uns versichert hatten, dass es sich hierbei um einen supergeilen Platz handelte.

Und dann ging es auch schon los! Irgendwo knallte es, dann brandete Gebrüll auf, dann kam die todesmutige Menge verwegener junger Männer angelaufen, die den Stieren die Stirn bot!!
Okay, sagen wir StierCHEN. Es waren halbwüchige Rinder, und davon auch nur ne Handvoll. Und die verwegenen jungen Männer… davon gab es in dieser Stadt offensichtlich auch nur weniger als zehn. Wir standen am Ende der Strecke neben dem Pferch für die Kühlein Stiere, in den sie dann auch hirnlos reinliefen, während ein paar ältere Spanier die Gatter aufhielten.

Und dann war es auch schon vorbei. Wir hatten von dem Ganzen vielleicht drei Sekunden mitgekriegt. „Wow… eine großartige Erfahrung“, konstatierte ich, dann brach ich zusammen mit Simon und Tarek in Gelächter aus. Und dafür waren wir erst so spät aufgebrochen!

Es gab also keine weitere Ausrede zum Bummeln, wir mussten uns auf den Weg machen. Der Weg aus der Stadt zog sich ziemlich, aber Tarek plapperte unaufhörlich und damit war es nicht so langweilig.
Als es darum ging, welche Medikamente ein Pilger so braucht und was davon man ganz einfach in spanischen Apotheken käuflich erwerben kann, merkte ich an, dass die Pille Danach in Spanien rezeptfrei sei. Augenblicklich war ich in eine Diskussion über Verhütungsmittel verwickelt. Meine Fresse, dabei hab ich doch Urlaub!

Tarek offenbarte schließlich, dass seine Freundin mit der Pille so zickig gewesen sei, sich dann aber wieder eingekriegt hätte, als sie das Präparat wechselte. „Also denkt dran, Mädels: immer die richtige Pille nehmen,“ feixte er relativ unintelligent. Hach, mit so Sprüchen ist man bei mir ja leider an der falschen Adresse. „Denkt dran, Jungs: Selbst mal ne Pille für den Mann entwickeln, dann reden wir weiter,“ gab ich zurück (woraufhin er unglaublicherweise antwortete „Aber die gibt’s doch schon!“, was dann wiederum Signal für mich war, die Diskussion im Sande verlaufen zu lassen.)

Ich war ohnehin nicht so wirklich in der Stimmung für viel Geplauder, denn tatsächlich ging es mir gar nicht mal so gut. Meine Blase am „Ringzeh“ schien zwar nach der Behandlung gestern nicht mehr akut entzündet, aber die war ja leider nicht die einzige. Unterhalb der Zehen am rechten Fuß hatten sich noch mehr Blasen gebildet, die bei jedem Schritt ganz schön weh taten. Ich hatte meine weißen Chucks angezogen, weil die mehr Profil haben als die violetten, um die Blasen zu schützen, doch weil dieses Paar außerdem auch noch weniger eingelaufen und damit schmaler ist, war der Druck auf meine Zehen einfach unglaublich schmerzvoll.
Ich entschied also, wieder zu wechseln, als wir bereits nach wenigen Kilometern unsere erste Pause machten, aber das auch nur, weil uns an besagter Stelle ein Highlight erwartete. Wasserbrunnen sind ja in Spanien ein alltäglicher Anblick, aber hier hatte jemand tatsächlich eine WEINQUELLE installiert!

Weinquelle

Weinquelle


Und da sieht man mal wieder, dass der Camino absolut ungeeignet dazu ist, seinen Alkoholkonsum zu reduzieren: Eine richtige Traube hatte sich schon um den Weinhahn gebildet. Natürlich ist halb 9 Uhr morgens nicht gerade die beste Zeit, um Wein zu saufen, aber wenigstens probieren wollte ich doch mal.
Aber Simon hatte eine schlechte Nachricht: kein Wein! Vermutlich hatten die Pilger, die pünktlich losgelaufen waren, alles schon leer gesoffen. Von wegen besinnlicher Weg voller Entbehrungen und Enthaltsamkeit.

Die Jungs wollten nach dieser megamäßigen Enttäuschung direkt weiter, aber ich winkte ab. Ich war wirklich in selten schlechter Verfassung, also war wieder mal eine Ibuprofen nötig – meine letzte. Bis die wirkte, saß ich vor dem Weinbrunnen, verkündete allen Pilgern, die sich freudig der Weinquelle näherten, dass es keinen Wein gab, und sah zu, wie all ihre Hoffnungen und Träume zerplatzten.

Nachdem meine Schmerztablette wirkte und ich die Schuhe gewechselt hatte, ging es weiter. Inzwischen war es richtig ruhig auf dem Camino geworden, also hatte ich den Weg mal wieder fast für mich allein.

Die Schmerzen waren nun weg, aber ich trottete trotzdem ziemlich lustlos daher. Als ich dann auch noch tatsächlich bei einer Steigung, die man eigentlich kaum als solche bezeichnen konnte, anhalten musste, weil ich völlig ohne Energie zu sein schien, entschied ich mich für den letzten Ausweg.

MEIN LETZTER AUSWEG, mein Plan Z sozusagen, kommt nur zum Einsatz in genau solchen Fällen, wenn mich ein toter Punkt ereilt und ich einfach völlig saft- und kraftlos bin. Ich selber finde da nichts dabei, aber wenn ich in der Apotheke tatsächlich Coffein-Tabletten verlange, werde ich immer angestarrt, als hätte ich Methadon verlangt. Aber was soll’s? Andere Leute schütten sich einen Liter Kaffee täglich in den Schlund, während ich überhaupt keinen Kaffee trinke, also was ist gegen den Stoff in Reinform schon groß einzuwenden.

Ich nahm eine halbe Tablette, die wenige Minuten später wirkte. Es ging mir viel besser. Kann ich wirklich nur jedem bei solchen körperlichen Extremsituationen empfehlen.

Ruine der Burg von Villamayor de Monjardín

Ruine der Burg von Villamayor de Monjardín

Kurz darauf gab es zwei Möglichkeiten weiterzugehen. Ein Pilger in meinem Alter studierte die Wegweiser unschlüssig, also eilte ich ihm zur Hilfe. Es stellte sich heraus, dass ich einen weiteren Deutschen vor mir hatte. Endlich mal kein Italiener! (Aber die treten ohnehin nur in Rudeln auf.)

Mit diesem netten Kölner lief ich dann ein Stück. Wir unterhielten uns super, aber als eine Steigung kam, musste ich ihn leider ziehen lassen.
Ich war ziemlich sicher gewesen, dass ich ihn in Villamayor de Monjardín wieder treffe, aber leider war er wohl ohne Halt weiter gegangen. ICH brauchte allerdings definitiv eine Pause nach 9 km, also bestellte ich mir eine Cola und zog schließlich allein weiter.

Vor mir lag eine „Rennstrecke“ – eine heißer, wenig schattiger Weg fast immer geradeaus, auf dem es auf über 12 km keine Wasserstelle geben sollte. Daher füllte ich meine Flasche beim Brunnen von Villamayor de Monjardín auf und trank auch noch so viel ich konnte.
So doof es klingt, aber irgendwie freute ich mich auf diese schlimme Strecke!

Die gar nicht sooo schlimme Strecke

Die gar nicht sooo schlimme Strecke

Auf Schmerzmitteln und vollgepumpt mit Coffein konnte ich mein inzwischen normales Tempo erreichen. Das lag, wie ich inzwischen über den Daumen gepeilt hatte, bei fast 6 km/h!! Bei meinen anderen Caminos hatte ich durchschnittlich nur 4 km/h geschafft.
Klar, einige werden meinen, ich „hetze“ über den Weg, tatsächlich fühlt es sich einfach nur supergeil an, so schnell zu gehen. Ich genieße es total, meinen Körper auf diese Art zu spüren. Ich hatte in meinem Leben bisher wenig Erfolgserlebnisse im sportlichen Bereich gehabt, aber das gehört definitiv dazu.

IMG_1953Mir schien es aber auch, als würden die Leute dieses Jahr ganz besonders langsam gehen. Normalerweise hatte man immer ein paar „Renner“ dabei. Dieses Mal war ICH diejenige, die alle überholte, und erntete dafür nur ungläubige Blicke.

Verdursten muss niemand!

Verdursten muss niemand!

Wie ich es mir fast gedacht hatte – die Teiletappe war dann auch gar nicht so schrecklich wie angekündigt. Auf halber Strecke waren Sonnenschirme aufgespannt und es gab Getränke und Obst zu kaufen. Eine Oase im Nichts. Echt schön, aber da ich noch genug Wasser hatte, hielt es mich dort nicht lange.
Oase

Oase


Ich powerte weiter, nun aber doch langsamer werdend. Los Arcos hieß mein Tagesziel, das dann schließlich auch in Sicht kam. Wirkte wie drei Bauernhöfe und sonst nichts… und da soll es so viele Herbergen geben?
Bevor das Dorf richtig betreten wurde, gab es eine Sitzmöglichkeit mit Getränkeautomaten, wo ich Tarek und Simon fand, die auf den Stühlen lagen wie geschlachtet. Immerhin war es sauheiß, was mir kaum was ausmachte. Aber Simon hatte außerdem seine erste Blase ergattert und war nun schwer mit sich am kämpfen. Eigentlich wollte er noch weiter gehen, andererseits schien ihn diese Miniblase in ernsthafte Panik zu versetzen.

Super organisiert! Sollte jede Herberge haben!

Super organisiert! Sollte jede Herberge haben!

Ich gin erstmal einchecken. Eine Herberge, betreut von österreichischen Hospitaleros, sollte es sein, die im Pilgerführer total angepriesen wurde. Völlig zurecht! Schon auf den ersten Blick machte das Teil einen super Eindruck. Kaum angemeldet ließ ich meinen Rucksack da und rannte zurück, Simon und Tarek entgegen. Der war von der Herberge auch angemessen beeindruckt, entschied sich dann aber doch, noch weiter zu trotten.

Damit war meine Pilgergruppe aufgelöst, was mich traurig machte, aber es gab ja noch tausend andere Pilger, die ich in den letzten Tagen immer mal wieder gesehen und somit kennen gelernt hatte.
Eine davon war eine Österreicherin, ein Hipstermädchen, wenn ich je eines getroffen habe, und die wie alle Hipster völlig chaotisch und unorganisiert war. Diese hier hatte es geschafft, ohne Geld zu stranden, also wollte sie heute unter dem Kirchenvordach schlafen.

Ich sollte sie dann später auch genau dort wieder treffen, als ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt machte. „Warst du da mal drin?“ empfing sie mich und dirigierte mich auch gleich in die Kirche.
„What the F…!?“ konnte ich das letzte Wort gerade noch so zurück halten (weil, in Kirchen sowie auf Friedhöfen wird nicht geflucht, das tut man nicht).IMG_1964
IMG_1965
IMG_1966
Dafür jetzt hier: WHAT THE FUCK!? Prunk und Protz gallore! Im ersten Moment schien diese Kirche innen komplett aus Gold zu bestehen! Völlig sprachlos durchwanderte ich die Gänge und legte den Kopf in den Nacken. Meine Fresse! Und das in einem Dorf mit gerade mal 1.300 Einwohnern!

Dann brauchte ich dringend neues Ibuprofen. Ich weiß, dass dies in Spanien megabillig ist, deshalb traf mich fast der Schlag, als die Apothekerin 4,50 Euro für eine 20er-Packung 400er-Ibuprofen haben wollte. Nicht, dass das besonders teuer ist, aber das kenne ich doch anders! Als ich ihr das mitteilte, rückte sie plötzlich eine 600er-Packung mit 40 Tabletten raus, die nur 2 Euro kostete. Stärker, größere Menge und dann auch noch billiger – ich glaube, das muss man nicht verstehen.

Ich fand dann auch einen Supermarkt und war plötzlich megahigh. Wenn ich allein war, konnte ich ja endlich essen, was ich wollte! Es wurde also Zeit für eines meiner Standard-Camino-Gerichte, eine Gemüse-Reis-Pfanne mit Thunfisch.

Spanien-Fact: Gemüse mag in Spanien manchmal echt scheiße aussehen, aber es ist viel aromatischer als bei uns. Das liegt einerseits natürlich am Klima, andererseits aber auch wohl an der Tatsache, dass man bei uns rein nach Äußerem gezüchtet hat, nur um irgendwann festzustellen, dass die schönen, prallen roten Tomaten plötzlich nach überhaupt nichts mehr schmecken. Da sind mir die manchmal etwas verdatschten, teilweise grünen Spanien-Tomaten definitiv lieber!

Casa Austria, superhübscher Innenhof

Casa Austria, superhübscher Innenhof

Als ich kochte – früh, um niemanden zu nerven – wurde unmissverständlich klar, dass ich viel zu viel hatte. Ich nahm also einen Teil raus (der Reis entpuppte sich leider als Milchreis, obwohl das nicht auf der Packung drauf gestanden hatte, aber das ging schon klar), bevor ich den Thunfisch reintat, weil mir wieder einfiel, dass die nun mittellose Österreicherin Vegetarierin war. Schweres Leben in Spanien…

Tatsächlich traf ich sie später wieder und konnte sie zum Essen einladen. Sie freute sich, ich freute mich und damit war alles gut! Bis auf den Riesenberg, der nichtsdestotrotz übrig blieb. Ich beschloss, meine Tupperdose vollzupacken und das Zeug mitzunehmen.

In meinem Zimmer war schon um 9 Uhr das Licht aus, was ein dezenter Hinweis auf einen sehr frühen Aufbruch meiner Zimmergenossen sein konnte, aber ich hoffte einfach das Beste.

Stimmung: Das Tief ist überwunden und satt bin ich auch!

Der „Du gehst in DEN Schuhen?!“-Ticker: 8(+2)

Kosten
1,50 Dose Cola
0,70 2 Nektarinen
9,00 Herberge
2,00 Ibuprofen
4,00 Jod
13,40 Tabak, Hülsen, Postkarte
7,30 Reis, Gemüse, Müsliriegel
3,00 Frühstück (bestellt für den nächsten Tag)
= 40,90 €

7. Etappe

7. Etappe

Liveblog 8, 6. Etappe: Puente la Reina – Estella (22,2 km)

Hab nen dummen Fehler gemacht und die Bilder beim letzten Beitrag verwechselt. Wundert euch also nicht, wenn euch ein paar Sachen bekannt vorkommen 🙂

Auf der Matratze schlief es sich super! Fast wie daheim, da hab ich nämlich auch nur eine Matratze.

Ich war also guter Dinge, als ich die Augen öffnete, doch kaum hatte ich mir meine Blasen angesehen, fiel mir alles aus dem Gesicht.

Die blöde Blase am „Ringzeh“, die eigentlich total harmlos gewesen war, pochte rot.

Scheiße, scheiße, scheiße…! Ich sprühte Desinfektionszeug drauf, aber ich befürchtete, dass es zu spät war. Naja, noch war der Schmerz erträglich, also erstmal fertig machen.

Marion ging es übrigens wieder super – hätte ich ja nicht gedacht. Das kann dann eigentlich doch keine Sehnenentzündung gewesen sein, die hätte sie länger außer Gefecht gesetzt. Vielleicht war sie deshalb auch so motiviert, denn sie ging mit Simon und Sarah schon los, während ich noch rauchte und Tee trank.
Vor der Herberge piepste irgendwas, aber es dauerte eine Weile, bis ich draufkam, was es war: Fledermäuse, die hinter dem Herbergenschild nisteten! Die letzten flogen gerade heim, weil es langsam hell wurde. Fledermäuse sind ja cool, deshalb beschloss ich, das als gutes Zeichen zu sehen.

Über die berühmte Brücke, die Puente la Reina seinen Namen gibt, verließ ich die Stadt. Danach wurde es schnell ziemlich steil. Kaum hell und schon läuft mir die Brühe! Unglaublich, aber irgendwie auch ganz angenehm so früh morgens.

Puente la Reina

Puente la Reina

Das nächste Dorf, Mañeru, war schnell erreicht und dort holte ich auch Marion und Sarah wieder ein. Beide waren genauso schweißgebadet wie ich. „Das war jetzt mal Cardio,“ meinte ich zu Sarah, aber die antwortete nur, dass sie auf Cardio nicht steht.
Nach einer kurzen Trinkpause gingen wir zusammen weiter, aber schon am Ortsende hängte ich sie ab. Inzwischen puckerte die rote Blase ziemlich, aber irgendwie tat es weniger weh, wenn ich schneller ging. Keine Ahnung woran das liegt, aber das kennt man ja. Vielleicht können die Nerven nicht so viele Schmerzimpulse auf einmal senden und geben irgendwann auf, wenn sie zu sehr überreizt werden.
Jedenfalls stampfte ich dumpf weiter, gefangen in meiner Schmerzwolke, bis Cirauqui, das nächste Dorf, in Sicht kam. Dort hatte sich alles um eine Bäckerei versammelt und auch Simon traf ich wieder. Ich kaufte mir eine Cola und ein Körnerbrötchen (ein riesen Highlight in Spanien!), dann besah ich mir meine Blessur.
Diese kleine, blöde Blase strahlte eindeutig Hitze aus und tat bei der geringsten Berührung weh. Ich sprühte sie wieder ein, aber ob das was nützte? Das Desinfektionsmittel hatte ich noch vom letzten Jahr übrig und ewig haltbar ist sowas ja nicht… Aber woher was neues herkriegen? Unser Tagesziel Estella war noch weit.

Ich packte den Scheiß so gut es ging ein, dann nahm ich eine Ibuprofen gegen die Schmerzen. Anders würde ich das nicht überstehen.

IMG_1931Erst jetzt tauchten Marion und Sarah auf, um die ich mir schon Sorgen gemacht hatte, weil es eigentlich unmöglich ist, auf einer so kurzen Strecke einen so weiten Vorsprung rauszulaufen, und wirkten etwas angepisst (vielleicht, weil ich sie so stehen gelassen hatte?). Sie wollten auch nichts trinken, sondern direkt wieder weiter, und blieben gerade lange genug stehen, damit ich verkünden konnte, dass wir genau in diesem Dorf nun schon HUNDERT KILOMETER hinter uns hatten. Ihre Reaktion war etwas unterwältigt und auch ich freute mich nicht so, wie man es in Angesicht eines solchen Meilensteins vielleicht sollte.

Ich war wieder allein, als ich losging – langsam, denn mein Fuß tat zu Anfang scheißweh. Aber es lief sich weg, außerdem fing das Ibu an zu wirken.
Trotzdem, auch wenn es jetzt geht… was soll ich machen, wenn das wirklich entzündet ist? Ich habe ja leider schon Erfahrungen mit entzündeten Blasen. Letztes Jahr hatte ich eine an der Ferse, die irgendwann plötzlich so wehgetan hatte, dass ich ins Centro de Salud musste.

Spanien-Fact: In Spanien gibt es überall Centro de Saluds, kleine Notfallkliniken, in denen man nicht nur eine einwandfreie Behandlung bekommt, sondern auch als Deutscher exakt NICHTS bezahlen muss. Tatsächlich hatte ich nicht mal meine Krankenkassenkarte vorlegen müssen. Tatsächlich habe ich nicht mal meinen NAMEN angeben müssen. Wenn das nicht hypersozial ist!!

Der Arzt hat die Blase damals desinfiziert und gut eingepackt, aber ich durfte zwei Tage nicht laufen. Das wäre jetzt echt scheiße! Vor allem schon so früh!

Aber was tun, wenn die Apotheken heute zu sind, weil Sonntag ist? Was kannte ich denn für Hausmittel bei Entzündung? Da fiel mir eigentlich nur Kamille ein.
Hm, Kamille… hatte ich nicht schon öfter Kamille am Wegesrand erspäht? Jetzt war davon natürlich keine Spur. Aber Kamille mag doch einen eher kargen Untergrund, beziehungsweise kommt damit gut klar. Wenn ich etwas Kamille fände, könnte ich davon einen Sud machen und meinen Fuß reinhalten.

Zeit für eine kleine Bitte an das Wesen, an das ich glaube und das ich hier der Einfachheit halber Gott nenne. Lieber Gott, betete ich inbrünstig, ein bisschen Kamille wäre echt megageil.

Uralte Römerbrücke

Uralte Römerbrücke


Einige Stunden wanderte ich allein, während die Hitze immer unerträglicher wurde. Meine Musik half mir sehr, diese kritische Teiletappe zu überstehen. Ich war trotzdem ziemlich schnell unterwegs.
Und während ich so rannte, fand ich plötzlich am Wegrand – Kamille!

Wow – heißen Dank, Herr!

Kurz war ich mir unsicher, weil ich Kamille häufig mit Margeriten verwechsle, aber der Geruch war unverkennbar. Nur wie transportiere ich das jetzt?
Mir fiel mein Schultertuch ein, das sich langsam eher zum Allzwecktuch mauserte, kramte es raus, breitete es aus und schnürte ein Bündel mit Kamillenblüten. Perfekt!
Ich stopfte das Bündel in meine Tasche, glücklich darüber, meinen Wunsch so schnell in Erfüllung gehen zu sehen. „Dafür kommt den ganzen Tag kein böses Wort mehr über meine Lippen,“ dachte ich plötzlich. Hm, wo kam das denn her? Egal, das erschien mir als fairer Deal.

Ich durchquerte ein weiteres Dorf, dann holte ich Simon wieder ein und betrat mit ihm zusammen Villatuerta. Schon von weitem sahen wir die Mädels unter einem Baum sitzen, aber bevor wir sie erreichten, erwartete uns am Wegesrand ein ganz besonderes Highlight.
Der Bub war vielleicht acht Jahre alt und hatte doch tatsächlich einen LIMONADENSTAND.
Ich war völlig von den Socken: So etwas hab ich schon tausendmal in Amifilmen gesehen, aber noch nie in Echt! Überhaupt habe ich noch nie selbstgemachte Limo getrunken! Völlig klar, dass ich das probieren musste.
50 Cent kostete ein kleiner Becher, dazu gab der Bub gewissenhaft noch Eis dazu und reichte ihn mir. Ich gab ihm 70 Cent – das war einfach so toll, da gönnte ich dem Kleinen ein bisschen Trinkgeld.
Er schien das allerdings nicht zu verstehen, denn er zählte das Geld in seiner Hand mehrfach, warf mir schließlich einen verstohlenen Blick zu und ließ es hastig verschwinden. Höhö, supersüß.
Und die Limo schließlich – absolut unglaublich. So etwas deliziöses habe ich noch nie getrunken!

Simon hatte sich auch einen Becher genommen und lieferte mir direkt ein Rezept: Eine unbehandelte Limone auf einem Liter Wasser und ein paar Löffel Rohrzucker komplett pürieren, sieben, fertig. Die Schale gab viel Geschmack ab und so war es dann auch ziemlich günstig. Wird sofort ausprobiert, wenn ich zuhause bin!

Wir gesellten uns zu den Mädels und beobachteten den Bub weiter. Tatsächlich schaffte es kein Pilger, an diesem Goldschätzchen vorbei zu gehen. Jeder nahm sich mindestens ein Glas, dazu verkaufte er noch eingepackte Minimuffins. „Wenn der den ganzen Sommer da sitzt, macht der richtig Kohle,“ meinte Simon. Muss man sich mal vorstellen… Hochsaison, 100 Pilger am Tag Minimum, das sind 50 Euro am Tag, und ich war sicher nicht die Einzige, die ihm ein bisschen mehr Geld gegeben hatte. Den Wareneinsatz übernehmen vermutlich Mami und Papi. Verdammt viel Geld für so einen kleinen Jungen. Vielleicht sparte er ja für ein Rad!
Wir lachten uns dann noch über seinen stolzen Papa kaputt, der aus dem Haus geeilt kam, als die Sonne weiter wanderte, um ihm einen Sonnenschirm aufzustellen, und über seine Mutter, die das Ganze mich hochemotionalen Blick beobachtete. Die dachten wahrscheinlich, der Kleine wäre so, wie er sich dranstellt, auf dem besten Weg zu einem BWL-Abschluss summa cum laude.

Die letzten Kilometer lagen noch vor uns. Wir gingen alle ein bisschen zusammen, doch dann zog ich ab, aber so richtig, und ließ die anderen hinter mir.
Bei keinem meiner bisherigen Caminos war ich bisher so schnell gewesen, im Gegenteil – ich war immer eine der Langsamsten gewesen, die ständig überholt wurde. Jetzt überhole ich selber andere Leute und genieße es total, so zu rennen.
IMG_1935Was ist das nur? Ich bin nicht trainierter als bei meinen anderen Caminos. Die Muskeln vom letzten Jahr sind weg. Kann es sein, dass sich der Körper einfach „erinnert“? Pilgern verlernt man nicht oder was?

So erreichte ich auch als erstes Estella bzw. eine Quelle kurz vor Ortseingang, wo ich auf die anderen wartete. Es war nämlich immer noch nicht geklärt, wo wir unterkommen wollten, da Estella mehrere Herbergen hatte.
Marion wollte unbedingt in eine Herberge am Ortsausgang, die Menüs für 9 Euro anbot. Ich seufzte innerlich. Als gäbe es sowas nicht an jeder verdammten Ecke. Das wiederholte sie noch einige Male, während ich immer gereizter wurde. Ich hatte mehrmals gesagt, dass mir die Herberge scheißegal ist – ich brauche nur eine Küche, um meine Kamille zu kochen. Eine Küche, die diese spezielle Herberge nicht hatte. Und ich wollte NICHT essen gehen. Das kann ich mir einfach nicht jeden Tag leisten und immerhin hatte ich mich tags zuvor schon mitschleppen lassen.
Man sollte meinen, es würde reichen, wenn man so etwas EINMAL sagt, aber nee… ständig hörte ich „Aber die haben Menü für 9 Euro…!“

So gern ich die drei hatte, aber das zeigte mir, dass es Zeit wird, langsam wieder unabhängig zu werden. Diese ständigen unnötigen Diskussionen, gerne schon Stunden vor dem Tagesziel, fingen an, mir auf die Nerven zu gehen, zumal ich offensichtlich wirklich am wenigsten Geld von allen zu haben scheine. Das ist meist keine gute Mischung.

IMG_1937Immer noch uneinig betraten wir Estella und gingen an den ersten beiden Herbergen vorbei. Die öffentliche Herberge lag noch vor uns und ich nahm mir im Stillen vor, dort einzuchecken, völlig egal, was die anderen sagten, deren größtes Problem sowieso das Abendessen zu sein schien.

„Wir brauchen einen Supermarkt!“ meinte Marion, aber wie gesagt – es war Sonntag. Das ist schwierig, aber nicht so komplett unmöglich wie in Deutschland, denn unser Sonntagseinkaufsverbot ist ziemlich einmalig. Deshalb beschloss ich, an der öffentlichen Herberge angekommen mal zu fragen, bevor ich einchecke.

Die anderen warteten, ich betrat die Herberge. „Completo,“ empfing mich die Hospitalera. What, schon voll, obwohl die Herberge fast 100 Plätze hat?! Meine Güte, was war denn los?
Trotzdem konnte ich ja mal nach einem Supermarkt oder einem Lädchen fragen, aber die Hospitalera schüttelte den Kopf. Alles wäre zu, es sei ja Sonntag und außerdem Feiertag.
Feiertag… natürlich. SCHON WIEDER. Aber ist wirklich gar nichts auf?
Die Hospitalera nahm einen Stadtplan und kritzelte mir einige Supermärkte ein. Hm, offensichtlich hatte ich sie falsch verstanden. Sie übergab mir den Stadtplan.
„Also sind diese Supermärkte geöffnet?“ fragte ich hoffnungsvoll.
„Nein, nein, es ist Feiertag, es ist alles zu.“
Ich sah völlig verdattert auf den den Plan. „Aber… hier… also, was ist das denn?“
„Eine Tienda, ein Laden. Der ist nur ein paar Minuten von hier.“
„Ja, äh, aber… ist der jetzt zu?“
„Ja, ja.“
„Äh, Siesta? Macht der wieder auf?“
„Nein, es ist ja Feiertag, da ist alles zu.“
Ich sah wieder auf den Plan, dann die Hospitalera an. Mir lag die Frage auf der Zunge, warum zur Hölle sie mir den Weg zu Supermärkten zeigt, wenn eh alles zu ist – ich hatte immerhin NICHT vor, hier länger zu bleiben!! – aber dann gab ich entkräftet auf und ging.

Draußen empfingen mich die anderen und wollten ein Ergebnis erfahren. Ich atmete tief durch. „Also, ich habe heute geschworen, nichts böses zu sagen…“ Nochmal nahm ich tief Luft. Ach, meine Fresse! „Aber das war grade das vielleicht DÜMMSTE Gespräch, was ich auf diesem Camino bisher geführt habe!!!“
Es folgten ein ähnlich harscher Kurzbericht über diese saublöde Hospitalera, gefolgt von einem verzweifelten Blick gen Himmel. „Tut mir leid…!“

So typisch, ey. Da verspreche ich es hoch und heilig und schaffe es trotzdem gerade mal fünf Minuten, die Fassung zu bewahren. Meine Güte, bin ich scheiße!!

Die anderen machten es mir aber auch nicht gerade leicht. Ich hatte gesagt, dass die große öffentliche Herberge voll ist. Dennoch wollte Marion jetzt unbedingt weiter einen Supermarkt suchen. „Ich gehe nicht einen Supermarkt suchen, wenn ich noch kein Bett habe!“ erwiderte ich etwas heftig, aber Mann, ist doch wahr, warum soll man mit dem schweren Rucksack durch die Stadt rennen, wenn sowieso gerade Siesta war?

Der Ton schien schließlich zu überzeugen. Sarah setzte ihren Plan um, noch weiter zu gehen, damit waren wir nur noch die dritt. Es ging zurück zu einer der Herbergen, die schon hinter uns lagen.

Unsere erste Adresse hieß „Anfas“, eine Herberge, in der geistig Behinderte mitarbeiten. Einer der Helfer kam sofort angerannt und überreichte uns Wasser, was extrem nett war, aber von außen sah die Herberge trotzdem nach nicht viel aus. 34 Betten in einem Schlafsaal… gut, sowas hatte ich schon vorher erlebt. Marion stand aber das nackte Entsetzen aufs Gesicht geschrieben. „Hier werden wir keine gute Nacht haben,“ murmelte sie Simon zu. Ich ignorierte das geflissentlich und checkte ein. Kurz schien es, als wollten beide weiter suchen, aber Simon war von dem Konzept der Herberge sehr überzeugt und damit blieb auch Marion.

Es folge das Standardprogramm: Waschen, duschen… dann gingen wir auf die Suche nach was essbaren.
Wir waren kaum fünf Minuten in die Stadt reingerannt, da fanden wir eine offene Bäckerei, die auch genug Zutaten für eine leckere Pasta bot. Na also. War ja sowas von klar gewesen.

Später erfuhren wir dann auch den Grund für den Feiertag: Eine große Fiesta in der Stadt. Einige andere Pilger fragten uns, ob wir mitgehen wollten, denn es gäbe für günstiges Geld Hähnchen, was sich ziemlich geil anhörte, aber wir hatten nun ja schon gegessen. Simon und Marion gingen sich trotzdem alles ansehen, während ich meinen Fuß in meinen Kamillensud hielt. Anfühlen tat es sich schon mal gut, ob es auch wirkte, würde ich morgen sehen.

Morgen! Da sollte ein Stiertreiben stattfinden, 8 Uhr morgens. Das wäre ja mal was, sowas muss man sich eigentlich ansehen! Aber ganz schön spät für Pilger…
Trotzdem beschlossen Simon und ich, uns diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Damit wurde der Wecker auf 7 Uhr gestellt, als uns der sehr strenge Hospitalero um fünf Minuten nach 10 in die Betten scheuchte.

Tatsächlich herrschte dann auch direkt Stille. Früh ins Bett, spät (okay, „spät“) aufstehen – da konnte die nächste Etappe ja nur gerockt werden!

Stimmung: Enttäuscht von mir selbst, im Vertrauen auf göttliche Güte!

Der „Du gehst in DEN Schuhen“-Ticker: 6 (+0)

Kosten
1,80 Brötchen + Cola
0,70 selbstgemachte Limo
7,00 Herberge
4,55 Zigaretten
1,10 Muffin
2,30 Pasta (gekocht, Kosten geteilt)
= 17,35€

6. Etappe

6. Etappe

Liveblog 7, 5. Etappe: Cizur Menor – Puenta la Reina (19,5 km)

Nachts wurde ich einmal wach, weil im Zimmer ungefähr achttausend Grad waren und irgendjemand das Fenster fast ganz zugemacht hat. Außerdem musste ich aufs Klo. Aber ich lag sicher eine halbe Stunde einfach da, bis ich mich dazu aufraffen konnte, endlich was gegen beide Probleme zu tun, weil ich von diesen saublöden Stockbetten kaum runter komme. Erstens bin ich so klein, dass ich da viel mehr klettern muss als andere Leute, zweitens sind die Leiterstreben an diesen Betten üblicherweise so dünn, dass es sich anfühlt, als würden die ohnehin geschundenen Füße in zwei Hälften geteilt. Aus dem selben Grund ist springen keine akzeptable Option.

Letztendlich schaffte ich es, ohne alle anderen zu wecken, aber ich hasse es trotzdem, oben zu schlafen.

Nach dieser unruhigen Nacht war ich morgens dementsprechend erschlagen, aber weil wir wieder eine Küche hatten, konnte ich Tee kochen. Außerdem gab es Kakao (kalt) und ein paar Kekse. Alles zur freien Verfügung in der Küche gegen Spende.
Die Spende vom vorherigen Abend nagte ziemlich an mir. Die anderen hatten mich gefragt, wie viel wir geben sollten und ich hatte einen Euro pro Person vorgeschlagen. Im Nachhinein erschien mir das wesentlich zu wenig, zumal unsere beiden anderen Mitesser, glaube ich, gar nichts gegeben haben.
Ich traute mich aber nicht, es anzusprechen, weil sich Marion gerade tierisch drüber aufregte, dass jemand ihren Käse gegessen hatte (was nach dem fünften Mal anfing, ein wenig zu nerven…). Letztendlich warf ich noch 2 Euro mehr rein – immerhin hatte ich ja auch fast sowas wie ein Frühstück gehabt.
Außerdem räumte ich den Tisch ab und spülte ein bisschen, bis der Hospitalero kam und mich freundlich wegscheuchte. Der war sowieso ein unglaubliches Schätzchen, ununterbrochen am Lächeln. Das ist gespült hatte schien ihn auch ehrlich zu freuen.

Die anderen waren schon losgegangen, weil ich meinen Tee noch trank und rauchte und danach ging es mir besser. Koffein und Nikotin rocken einfach.

Irgendwie total gelöst machte ich mich auf den Weg und schlenderte mehr, als dass ich ging. Es war ein schöner Morgen – und trotzdem war ich ziemlich schnell! Tatsächlich holte ich die anderen sehr bald wieder ein, als es an ein paar (leider schon halb verblühten) Sonnenblumenfeldern entlang ging.

Ich finde das ja irgendwie halloweenesk.

Ich finde das ja irgendwie halloweenesk.


Die ersten 6,5 km waren auf diese Weise schnell überwunden. In Zariquiegui, dem Dorf mit dem unaussprechlichen Namen, machten wir eine kurze Rast. Und obwohl wir noch 13 km vom Tagesziel entfernt waren, machten Marion und Sarah schon Pläne für die Herbergen – oder versuchten es wenigstens. Hier mal ein kurzer Gesprächsausschnitt:

Sarah: „Da sind einige gute Herbergen.“
Marion: „Haben die Küchen?“
Sarah: „Also die für 8 Euro hat eine Küche.“
Marion: „Welche ist denn das?“
Sarah: „Die Santiago Apostol.“
Ich: „Die kostet nicht mehr 8.“
Sarah: „Obwohl, nee, die hat keine Küche.“
Marion: „Die kirchliche Herberge hat eine.“
Sarah: „Wo ist die?“
Marion: „Auf Seite 72.“
Sarah: „Die Santiago Apostol hat ein Schwimmbad.“
Marion: „Oh, welche ist das?“
Sarah: „Die für 8.“
Ich: „Die kostet nicht mehr 8.“
Marion: „Ich finde die für 8 nicht.“
Sarah: „Das ist die Santiago Apostol.“
Ich: „Die kostet nicht mehr 8.“
Marion: „Aber die andere hat einen Garten.“
Sarah: „Welche?“
Marion: „Die für 5… aber bei der anderen steht „reichlich saubere Sanitäranlagen“, das ist mir immer wichtig.“
Sarah: „Wo?“
Marion: „Bei der für 8.“
Ich: „…“

Naja, ich bin’s ja gewohnt, dass mir keine Sau zuhört -.-

In Zuri-bla kaufte ich mir eine Dose Cola, Baguette und eine Tomate – es muss ja nicht immer Fleisch sein, dachte ich mir. Essen wollte ich aber erst, wenn ich den schlimmsten Anstieg dieser Etappe zum Puerto de Pérdon (watt, Hafen des Entschuldigens?) gemeistert hatte.
Auch hier war es wieder mal sehr steil, aber ich habe tatsächlich schon das Gefühl, dass sich hier manches bei mir getan hat. Baut man so schnell Muskeln auf? Meine Wadenmuskeln jedenfalls zeigten immer noch keine Anzeichen einer Besserung – unverändert schlimmer Muskelkater. Wie ist das, soll man bei Muskelkater nach dem Training nicht eine Pause machen, damit die Muskeln sich erholen können, weil sie sonst anfangen, sich praktisch selbst zu verdauen? Tja, das ist leider keine Option, aber ich wäre eh dankbar für etwas schlankere Waden.

Blick zurück

Blick zurück

Auf dem Puerto de Pérdon standen ungefähr eine Million Windräder, die nach dem Zug dort zu urteilen auch richtig platziert waren. Trotzdem packte ich mein Essen aus und ließ mir das erste Tomatenbaguette meines Lebens schmecken. Salz und Pfeffer hatte ich ja in meinem Campingwürzer dabei, portioniertes Öl hatte ich mir zusammen mit der Tomate gekauft.

Blick nach vorn

Blick nach vorn

Es sollte nun richtig krass runter gehen, weshalb die anderen schon mal aufbrachen, während ich mir richtig Zeit ließ. Tatsächlich ging es jetzt laut Höhenprofil wieder doppelt so viel runter wie hoch, das Ganze dazu sehr steinig. Schon auf den ersten Metern überholte ich eine ältere Spanierin, die sich mit leidenden Gesichtsausdruck Schritt für Schritt nach vorne tastete. Ihr Mann sah ihr leicht verzweifelt zu. In solchen Situationen bin ich immer sehr froh über meinen megageilen Pilgerstab! Die Senora sah so aus, als könnte sie auch einen brauchen, also sah ich mich nach einem passenden Stock für sie um, fand aber leider nix.

Das war ne Landschaft nach meinem Geschmack: Bisschen vertrocknet und dennoch irgendwie urwüchsig. Dazu ein bisschen Kletterei – gefällt mir! Trotzdem war ich ziemlich schnell, stellenweise sogar ein wenig fahrlässig, aber ich fühlte mich sogar zu ein paar Hopsern instande.
Als es wieder flacher wurde, überholte ich dann auch noch ein paar Leute, was mir auf meinen anderen Caminos auch noch nicht allzu oft passiert ist.
IMG_1923
Unten angekommen erreichte ich das Dorf Uterga, wo ich Marion und Sarah wieder traf – und Marion war in Tränen aufgelöst.
Seit Tagen lief sie mit einem schlimmen Bein und dieser harte Abstieg hatte ihm den Rest gegeben. Ich setzte mich neben sie und ließ mir ihre Symptome schildern. Was sie beschrieb, klang in meinen Ohren verdammt nach Sehnenentzündung, was richtig bitter wäre, denn so etwas tut nicht nur megaweh, sondern ist auch langwierig.
Sarah verabschiedete sich kurz danach (well, vielen Dank…), während ich bei Marion weiter Beistand leistete. „Geh nur,“ schluchzte sie zwar, aber ich blieb. Das hätte ich nicht tun können, wenn ich an diesem Tag nicht so gut drauf gewesen wäre, denn normalerweise muss ich auch kucken, wo ich mit meinen Kräften bleibe, aber heute hatte ich halt Ressourcen übrig und konnte daher behilfreich sein.
Marion war völlig fertig, weil der Camino für sie auch ein Traum gewesen ist, ein Weg, den sie unbedingt bezwingen wollte. Da lag vielleicht dann auch der Knackpunkt: Sie wollte es erzwingen. Aber ich habe auf meinen vergangenen Caminos gelernt, dass man seinen Körper nicht unendlich strapazieren kann, ohne dass es sich rächt. Geist über Körper – das funktioniert einfach nicht. Klar ist manchmal der Wille der letzte Antrieb, der einem bleibt, aber wenn die Grenzen erreicht sind, kann der Geist nicht über den Körper triumphieren, so dämlich pathetisch das jetzt vielleicht auch klingt.

Ich machte ihr verschiedene Vorschläge, was sie nun tun könnte, aber nichts konnte sie so wirklich überzeugen. In Uterga, wo es auch eine Herberge gab, wollte sie nicht bleiben, da Puente la Reina ja unser eigentliches Tagesziel gewesen war. Ein Taxi bis dorthin zu nehmen kam für sie auch nicht in Frage, weil das ihrer Ansicht nach Beschiss wäre. Mein Vorschlag, am nächsten Tag, falls es besser ist, einfach zurück zu fahren und von Uterga wieder loszugehen, fand auch keine Gnade, genauso wenig wie der vorsichtige Vorstoß, mit einer Sehnenentzündung besser mal ein paar Tage Pause zu machen. Mehr fiel mir dann auch nicht ein. Dass man überschüssiges Gepäck, welches man doch nicht braucht (und davon hatte sie wahrlich genug – ich sag nur Schminktäschchen…), auch postlagernd nach Santiago vorschicken kann, empfand sie auch als Betrug, aber sie wollte doch unbedingt alles richtig machen…

Es blieb nur, die Zähne zusammen zu beißen und die restlichen 7 km bis nach Puente la Reina irgendwie hinter sich zu bringen. Bevor wir das allerdings probieren konnten, kamen ein paar Italiener vorbei, die zur Rettung eilen wollten. Sie boten ihr an, ihren Rucksack zu tragen, was sie auch nicht wollte (aber in einem neuerlichen Heulkrampf gipfelte – sie fand diese Hilfsbereitschaft wahnsinnig toll und ich, die ich diese Camino-typische Solidarität schon kenne, empfand das genauso). Dafür bekam sie ein Kühlpack für ihr Bein.
Das haute mich ja glatt aus den Socken. Wärmepacks, die heiß werden, wenn man sie knickt, kenne ich, aber dass es dasselbe auch in kalt gibt? Wie das wohl funktioniert? Ultrakrass!

Marion kühlte ihr Bein ein wenig, dann ging es weiter. Langsam. Ich hätte definitiv schneller laufen können, aber wie gesagt, die Energie war da und mir selbst war schon so oft geholfen worden…

IMG_1932Wir unterhielten uns und ich probierte, sie abzulenken (zwischendurch breitete ich ihr mal einige Anekdoten aus meiner beschissenen Lebensgeschichte aus, also hat letzteres wohl funktioniert, wenn auch irgendwie nicht so, wie ich das geplant hatte). So schafften wir es irgendwie nach Puente la Reina.

Letztendlich landeten wir doch in der kirchlichen Herberge, so wie es mir auch am liebsten war, weil sie am billigsten war und außerdem ne Küche hatte. Simon und Sarah warteten schon auf uns. Marion humpelte ins 14-Bett-Zimmer. „Wir müssen waschen, dann müssen wir einen Supermarkt finden, dann müssen wir irgendwo Eis für mein Bein herkriegen, dann müssen wir…“

Ich hörte immer nur „muss, muss, muss“ und dachte so bei mir: Vielleicht ist das Teil des Problems. Weniger Aktionismus, weniger Zwang, dafür mehr Lockerheit und Flexibilität auch im Angesicht des Unvorhergesehenen. Das traute ich mich allerdings nicht zu sagen…

Wir gingen alle duschen, teilten uns eine Waschmaschine (was super war – wenn ich auf dem Camino eins hasse, dann ist es waschen!) und pflanzten uns in den riesigen Garten. Dort bat ich darum, mir das Finale dieses zum Heulen dämlichen „drei ???“ Abenteuers anhören zu dürfen (alle lachten), dann war chillen angesagt!

Irgendwann – Stunden später – kam plötzlich ein strahlender Spanier auf uns zu. Er verteilte Flyer für die bald stattfindende Pilgermesse. „Und außerdem gibt es da hinten nun Massagen – gratis!“ tönte er.
Kaum war er weg, sahen wir uns an. Massagen, gratis? The Fuck?
Tatsächlich wurden nun Matten ausgerollt und drei Masseure gleichzeitig widmeten sich den erschöpften Pilgerfüßen. So etwas hab ich ja eigentlich schon immer mal machen wollen. Aber warum zur Hölle war das umsonst? Da gibt’s doch bestimmt nen Haken…

Ich haderte lange, aber schließlich stand ich auf und ging schüchtern hin. „Es gratis?“ fragte ich sicherheitshalber noch mal nach.
„Sí!“
„Ähm, porqué?“ fragte ich – „Warum?“
Ich erntete erstaunte Blicke. „Das ist ein Service der Herberge,“ bekam ich als Antwort, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Wie geil! Damit war es beschlossen.
Von einem Masseur, der kein Wort englisch sprach, mich aber die ganze Zeit anstrahlte, bekam ich nun die schönsten zehn Minuten meines Lebens geschenkt. Die Füße taten gar nicht so weh, deshalb lohnte das eigentlich nicht… aber die Wadenmassage!! Kann mir irgendjemand mal erklären, wie etwas, was eigentlich total weh tut, so geil sein kann!!
IMG_1937
Dieser Mensch schaffte es, meinen drei Tage alten Muskelkater aus der Hölle fast vollständig wegzumassieren. Ich kehrte wie auf Wolken zu den anderen zurück!

Eine letzte Hürde gab es an diesem Abend noch: das Abendessen. „Heute sind alle Supermärkte zu,“ verkündete Sarah, als sie von einem kurzen Ausflug ins Dorf zurück kehrte. Ich bezweifelte das stark. Okay, es war zwar später Samstag, aber das ist Spanien! Irgendwo müsste man doch zumindest genug Zeug für ein Abendessen finden!

Es war dann aber schon so gut wie beschlossen, dass wir essen gehen. Wir fanden wenige Meter von der Herberge entfernt ein Restaurant, das Fastfood führte… mit ähnlichen Preisen wie in Deutschland und demnach für spanische Verhältnisse hemmungslos überteuert. Aber die anderen wollten unbedingt frittiertes Irgendwas essen, daher ging ich mit Simon auf die Suche nach einem Tabakladen, bis das Restaurant öffnen sollte.
Und, klar – der Tabakladen hatte zwar zu, aber wir fanden ZWEI Tiendas, also kleine Läden mit Pasta, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch… sofort hatte ich im Kopf ein günstiges, supergeiles Essen zusammen gestellt. Aber die Mädels hatten schon beschlossen, dass sie heute auswärts essen wollten, während an mir mal wieder meine Studienkreditschulden nagten und mir alles tierisch auf den Sack ging. Aber der gottverdammte Gruppenzwang :/

Das Essen war ganz okay, mehr aber auch nicht, und damit war der Tag dann auch schon wieder fast zuende. Wir kamen gerade noch rechtzeitig in der Herberge an, bevor ein krasses Gewitter losging, den Garten überschwemmte und sogar sekundenlang die Stromversorgung unterbrach, dann war es Zeit für’s Bett.

Hieß für mich an diesem Abend: Matratze von der oberen Etage des Stockbetts zerren und auf dem Boden schlafen. Es tut mir leid, aber ich KANN einfach nicht oben schlafen. Ich leiste mir sonst, glaube ich, recht wenig Allüren, aber DAS geht für mich einfach gar nicht.
Ich wollte eigentlich sogar mit einer Frau tauschen, die nur noch eine Matratze ergattert hat, aber nachdem sie wohl selbst gemerkt hat, dass es auf dem Boden bequemer ist, lehnte sie das Angebot ab und sah mich fortan zusammen mit ihrer Freundin an, als hätte ich die Geheimrezepte ihrer italienischen Mamma klauen wollen. Dabei wollte ich einfach nur freundlich sein :/

Stimmung: Nach dem puren Energieboost des Morgens nun leicht gereizt!

Der „Du gehst in DEN Schuhen?!“-Ticker: 6 (+0)

Kosten
2,00 Frühstück
1,95 Baguette, Tomate und Öl
5,00 Herberge
1,00 Dose Kas
4,55 Schachtel Zigaretten
2,17 Muffin, Zitrone, Käse
8,60 Hamburger (nur Patty) und Pommes
= 25,27 €

5. Etappe

5. Etappe

Liveblog 6, 4. Etappe: Zubiri – Cizur Menor (25,4 km)

Es ist sooo schön, morgens meinen Tee trinken zu können! So müssen sich Kaffeejunkies fühlen und mir geht es ganz genauso.

Simon nahm auch gerne eine Tasse, womit Sarah und Marion uns zurück ließen – wir würden sie eh irgendwann einholen. Während wir da noch so saßen und unseren Tee süffelten, kam ein kleiner Transporter angefahren und hielt vor der Herberge. Der Fahrer fing an, bereitgestellte Rucksäcke einzupacken.
„Es gibt nicht wirklich Leute, die sich ihre Rucksäcke fahren lassen?!“ fragte Simon, aber das musste ich leider bestätigen. Gemeinsam lästerten wir ein wenig darüber, als plötzlich die beiden Madames auftauchten, die diesen Service in Anspruch nahmen: zwei mutmaßliche Engländerinnen ca. Mitte Fünfzig.
Sofort wurden wir ein bisschen höflicher. Ob sie Probleme hätten? „Ja, das Knie,“ bekamen wir zur Antwort. Na, da bin ich doch Expertin…
„Sie sollten mal eine Bandage probieren,“ sagte ich daher.
„Nein, nein, das will ich nicht,“ wehrte sie sofort ab. Ähm, okay – warum zur Hölle nicht?
„Ähm, okay, aber haben Sie mal was drauf getan? Voltaren vielleicht?“ Das konnte jedenfalls nicht schaden!
„Nein, nein,“ auch hier wieder. Und dann: „Voltaren is for infection.“
An der Stelle gab ich dann auf. Ist natürlich sehr bequem, wenn man Probleme hat einfach sich den Rucksack fahren zu lassen, statt tatsächlich was dagegen zu tun. Und natürlich ist Voltaren nicht gegen Infektionen, sondern gegen Entzündungen, aber das fiel mir leider zu spät ein.

Simon und ich verabschiedeten uns bald darauf, schulterten vorbildlicherweise unsere eigenen Rucksäcke und gingen los. Ich fühlte mich gut und meisterte den ersten Anstieg aus dem Dorf heraus bravourös, aber etwas nagte an mir. Nur wenig später fiel mir auch ein, was.

„Ich hab meinen Tabak vergessen!!!“ heulte ich nach einem tastenden Griff nach hinten auf. So eine Scheiße!! Und wir waren schon mindestens 10 Minuten unterwegs!!
Simon blieb relativ stoisch, während ich mit mir selbst im Clinch lag. Was jetzt, das Zeug einfach zurück lassen? Mann, nachdem ich schon einmal alles vergessen hatte… so ein Zeichen kann man ja eigentlich nicht ignorieren…
„Krasse Entscheidung, nicht zurück zu gehen,“ meinte Simon dann auch anerkennend, aber 100 Meter weiter riss ich seufzend meinen Rucksack vom Rücken und drehte um. Simon wollte warten, daher nahm ich die Beine in die Hand.
Ohne Rucksack war ich dann auch viel schneller und so konnte es weiter gehen. Ich bleibe dabei: Meine elfte Etappe wird die erste ohne Zigaretten sein – nicht früher und nicht später!!

Simon y yo!

Simon y yo!

Der Pilgerführer hatte eine wenig reizvolle Strecke angekündigt und so kam es dann auch. Die ersten paar Kilometer führten an einer Magnesitfabrik vorbei, welche die Landschaft total verschandelte. Dafür war Simon gar nicht mehr so wortkarg und wir unterhielten uns nett. Er beschwerte sich ziemlich über das spanische Wasser, das es überall an den öffentlichen Brunnen gab.
Spanien-Fact: Jedes noch so kleine Dorf hat in Spanien einen öffentlichen Wasserspender, der Leitungswasser führt – was ich einfach nur megasozial finde!
Spanien-Fact: Das Leitungswasser in Spanien ist leider meistens gechlort. Das kann man zwar bedenkenlos trinken (wobei es sicher nicht so wahnsinnig gesund ist, aber für ein paar Wochen ist’s wohl mal okay), aber besonders schmecken tut’s oft nicht.

IMG_1898Ich habe damit glücklicherweise kein großes Problem (vielleicht, weil ich Dank Zigaretten eh nicht besonders viel schmecke?!), aber dafür hatte ich Hunger. Das nächste Dorf, Larrasoaña, sollte weniger als 6 km hinter Zubiri kommen, was wir locker in eineinhalb Stunden schaffen sollten.
Doch es kam und kam nicht. Ein Straßenschild, welches noch 2 km bis Larrasoaña veranschlagte, lag auch schon weit hinter uns. Das konnte doch alles vorne und hinten nicht stimmen!! Wieder mal war ich ziemlich angepisst auf den Pilgerführer, die spanische Unfähigkeit und überhaupt alles. Ich hatte Hunger, Mann!

Ein neues Schild besagte, dass die nächste Bar ebenfalls 2 km entfernt sein sollte. Und DAS wenigstens stimmte!

Dort holten wir auch Sarah und Marion wieder ein, welche ihre Füße lüfteten. Ich regte mich total über den Pilgerführer auf, bis sie mich darauf aufmerksam machten, dass wir uns nun nicht in Larrasoaña befanden, sondern tatsächlich vorbei gelatscht waren! Dies war schon das nächste Dorf – Zuriain.
Und ganz plötzlich hatten wir nicht erst 6 km, sondern schon über 9 hinter uns und hatten dafür nur knapp 2 Stunden gebraucht!

Ich belohnte mich mit einer Tortilla, was Simon total verwirrte, bis er sie schließlich sah.
Spanien-Fact: Tortilla ist ein spanisches Nationalgericht und nicht mal ansatzweise mit der mexikanischen Tortilla vergleichbar, die bei uns bekannter ist. Statt eines Wrap-ähnlichen Teils gefüllt mit Gemüse und Fleisch ist die spanische Tortilla eigentlich nur ein schnödes Omelett, als solches allerdings viel dicker als bei uns üblich. Es sieht eher wie ein Kuchen aus und die gängigste Form, die man in fast jeder Bar findet – die tortilla española – enthält nichts außer Eier und Kartoffeln. Es gibt aber noch viele andere Versionen mit Gemüse, Fleisch oder mit Auflage. Gewöhnlich kriegt man diese supergeilen Dinger mit einem Stück Brot für ziemlich wenig Geld. Das perfekte Essen für den hungrigen Pilger!

Auch der Ami, der noch tief und fest geschlafen hatte, als wir losgegangen waren, kam angepilgert und gesellte sich zu uns. Wir verwirrten ihn gründlich, als Simon mich auf mein „Ruhrpott Rodeo“-Festivalbändchen ansprach und wir anfingen, über linke und rechte Subkulturen zu sprechen, wovon der Ami aber immer nur „Nazi“ verstand, seinem schockierten Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Wir klärten ihn auf und machten uns dann gemeinsam auf den Weg.

Es folgte ein ziemlich lässiger Weg durch Gebüsche und über staubige Pfade, währenddessen wir uns super mit dem Ami unterhielten. Ein richtiges Sonnenscheinchen, dessen Namen ich dann schließlich auch irgendwann erfragte (er musste darüber sehr lachen, gingen wir doch schon fast zwei Stunden zusammen): Adam.
Es war ziemlich schwül geworden, weil dicke Wolken am Himmel hingen. Darum kam ich schwer in Versuchung, als wir irgendwann eine Brücke überquerten, von der aus sich einige einheimischen Jungs ins den Fluss darunter stürzten. Saugeil!
Einer der Buben gab stolz preis, dass die Brücke 5 Meter hoch wäre. Simon bezweifelte das zwar, aber mir war das ziemlich egal. Ich wollte auch springen! Aber bis ich mal ausgezogen wäre und dann wieder trocken… schweren Herzens folgte ich Simon und Adam schließlich weiter den Camino entlang.

Ein paar Minuten später wurde mir dann klar, dass ein paar dürre Zehnjährige so etwas vielleicht gefahrlos tun können, eine moppelige Endzwanzigerin sich aber vermutlich alle Gräten gebrochen hätte. Ich wog mindestens doppelt so viel wie diese Chicos. Da hatte ich grade noch mal Glück gehabt. Wer weiß, wie tief der Fluss an dieser Stelle war!

Kurz darauf fing es an zu regnen und zwar genau so lange, wie ich brauchte, um meinen Regenschutz über den Rucksack zu werfen. Grmpf, alles klar.

Die Sonne kam wieder raus, weshalb wir eine Pause machten, um uns einzucremen, aber danach ging Adam vor, weil wir noch eine Weile brauchten. Genauer gesagt wollte ich eine rauchen und Simon wartete auf mich. Das bereute ich augenblicklich, denn es ging höllisch bergauf.
„Wenn ich das nächste Mal vor einem Anstieg rauchen will, halt mich davon ab!“ sagte ich zu Simon und er versprach, darauf zu achten.

Ist das spanisch für "Jumanji"?

Ist das spanisch für „Jumanji“?

Die Kräfte schwanden langsam, aber noch waren wir nicht mal in Villava angekommen, einem Vorort von Pamplona. Den letzten Kilometer schleppten wir uns nur so dahin, bis wir einen Rastplatz kurz vor der Brücke, die nach Villava führte, erreichten. Dort fanden wir auch Adam wieder, der offensichtlich viele Freunde hatte, denn kurz darauf kamen noch ein paar Pilger an und begrüßten ihn alle freudig.
Baskischer Patriotismus - obwohl wir nicht mal im Baskenland sind.

Baskischer Patriotismus – obwohl wir nicht mal im Baskenland sind.


Wir blieben dann etwas länger als geplant, obwohl ich nichts mehr zu essen hatte, aber von allen Seiten bekam ich ungefragt etwas angeboten. Ein paar Nüsse hier, eine Scheibe Chorizo da… So lässt es sich billig pilgern.

In der Gruppe ging es schließlich dann durch Villava, das nahtlos in Burlada, eine weitere Vorstadt, überging. Wege durch Städte sind zwar einerseits ganz spannend, weil es immer was zu sehen gibt, aber andererseits wegen des Untergrunds und der Tatsache, dass alle Städte ja im Prinzip gleich aussehen, auch ziemlich ätzend. Außerdem ist es in Städten immer ein bisschen heißer als auf dem Land… und die größte Stadt dieser Etappe lag ja noch vor uns.
Ganz ehrlich: Ich mag Städte einfach nicht! Erst Recht nicht auf dem Camino! Deshalb versuche ich immer, solche Städte zu „überlaufen“. Auch die anderen waren dieser Ansicht, also hieß unser Ziel für heute Cizur Menor. Erfahrungsgemäß hat man gute Chancen, in den Herbergen direkt hinter Städten Plätze zu bekommen, weil die meisten anderen Pilger tatsächlich sehr gerne in Städten übernachten.

Portal de Francia (Pamplona)

Portal de Francia (Pamplona)


Wir betraten Pamplona über eine Brücke, wo ich für einen Italiener in einer Herberge anrief, die von Deutschen geführt wird, um ihm einen Platz zu reservieren. Nach und nach verließen uns alle anderen, um sich auf die verschiedenen Alberguen zu verteilen, bis nur noch Simon und ich übrig waren.
Spanische Biergläser, verschiedene Größen. Ich lachte!

Spanische Biergläser, verschiedene Größen. Ich lachte!

Und aus irgendeinem Grund waren wir beide total fertig. Wir hatten ja eigentlich erst 4 km vorher eine Pause gemacht, aber als ich ankündigte, mir schnell ne Tortilla auf die Hand nehmen zu wollen (ich hatte schon wieder Hunger und Tortilla kann ich IMMER essen!), war Simon sehr dafür, dass wir uns hinsetzen.
Wir betraten einen Laden, der sich „Casa de las Tortillas“ nannte und hatten da viele Sorten zur Auswahl. Simon trank zu seiner Tortilla ein Bier, was ihm augenblicklich auf den Kreislauf schlug, aber noch hatten wir 5 km vor uns.

Und diese 5 km brachten uns fast um. Ausgerechnet jetzt mussten sich die Wolken, die den ganzen Tag mal mehr, mal weniger gut die Sonne verdunkelt hatten, komplett verziehen, zudem führte der Weg aus der Stadt an einer Landstraße vorbei. Asphalt als Untergrund, nachdem wir fast den ganzen Tag Waldboden gehabt hatten… es schlauchte!!

Die letzten 500 Meter musste ich mich bei Simon entschuldigen und meinen iPod zur Hilfe nehmen. Die Musik peitschte mich schließlich ins Ziel.

Malteser-Flagge, schwer zu erkennen.

Malteser-Flagge, schwer zu erkennen.

Die Herberge in Cizur Menor wird vom Malteser-Orden geführt, was ich aus irgendeinem Grund cool finde, und irgendwie hatten Marion und Sarah es geschafft, uns zwei Plätze in ihrem Zimmer zu reservieren, obwohl das in öffentlichen Herbergen eigentlich nicht geht! Aber es wären wohl ohnehin noch Plätze übrig gewesen.
In unserem Zimmer fand sich ein Poster, auf das jemand eine Gleichung gekritzelt hatte, die uns vor Rätsel stellte. Es waren die reinsten Hiroglyphen. „Wir sollten auch noch unser Zeichen hinterlassen,“ meinte Marion, nachdem wir sämtliche Spekulationen durch hatten. „Etwas, das sagt: Die Deutschen waren hier!“
Darüber musste ich viel zu sehr lachen. Unabsichtlich böse, aber böse 😀

Der Pilgerführer meinte, dass in dieser Herberge ein Abendessen organisiert wird, weshalb ich glaubte, es würde für alle gekocht. Dem war nicht der Fall. Tatsächlich gab es in der Küche eine kleine Auswahl an Grundnahrungsmitteln, von denen man sich gegen eine Spende bedienen durfte.

Bevor alles leer war, sicherte ich uns Nudeln, ein bisschen Tomatensoße und Thunfisch. Außer uns beteiligten sich noch eine Australierin, die in unserem Zimmer schlief, sowie ein weiterer (etwas grummeliger) Deutscher an unserem Abendessen, das dann tatsächlich trotz der eingeschränkten Mittel noch richtig lecker wurde. Und viel mehr war an diesem Abend dann auch nicht von uns bzw. mir zu erwarten – ich war vollständig erledigt! Keine Ahnung, warum Sarah und Marion so früh vor uns angekommen waren, denn besonders langsam waren Simon und ich nicht gewesen. Oder warum wir überhaupt so gerädert waren… die letzten 5 km hatten es wirklich reingerissen! Und über meine Waden sollte ich gar nicht erst anfangen. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so schrecklichen Muskelkater an dieser Stelle gehabt! Und, wohlgemerkt, immer noch nicht den geringsten Anflug davon an Oberschenkel oder Hintern! Treppen steigen war die pure Hölle, auf das beschissene Stockbett hochkommen auch.
Zumal mit neuen Blasen… mein rechter „Ringzeh“, wie ich ihn getauft habe, weil ich nicht weiß, ob man von innen oder von außen anfängt die Zehen zu zählen, bestand eigentlich nur aus Blase. Da hatte das Pflaster, welches ich um den kleinen Zeh geklebt hatte, wohl gerieben… es tat zwar nicht weh, aber trotzdem megaätzend!

Höchste Zeit, diesen Tag hinter uns zu lassen. Irgendjemand kam dann auf die Idee, zum Einschlafen eine Folge „Die drei ???“ laufen zu lassen – was lustig ist, denn ich habe in meinem ganzen Leben noch keine einzige Folge davon gehört. Darum war ich auch vermutlich die Einzige, die wirklich zugehört hat. Ich konnte die ganze Zeit nur lachen. So ein Müll! So redet doch keiner! Und die ganze Zeit stellte ich mir einen kleinen Edward Norton vor, der Detektiv spielt… mir war völlig klar, dass ich mir etwas davon auf meinen iPod laden musste! Überhaupt kann ich hier in Spanien endlich mal die ganzen gesperrten Youtube-Videos ansehen!

Irgendwann, alle schliefen schon, ging das Hörspiel kurz vor dem Höhepunkt von selbst aus, aber ich konnte mich kaum ärgern, weil ich kurz darauf einschlief.

Stimmung: Völlig fertig!

Der „Du gehst in DEN Schuhen!?“-Ticker: 6 (+1)

Kosten
3,80 Dose Cola + Tortilla
1,60 Tortilla
5,00 Herberge
1,00 Abendessen (Spende)
= 11,40 €

4. Etappe

4. Etappe

Liveblog 5, 3. Etappe: Roncesvalles – Zubiri (22,8 km)

Wie üblich musste ich einmal nachts raus und war dabei völlig von den Socken: Himmlische Stille trotz 60-Betten-Zimmer! Dass ich sowas noch erleben darf…

Trotzdem war ich ein wenig gerädert, als um 6 Uhr der Wecker klingelte, aber die anderen waren glücklicherweise auch nicht besonders schnell, so dass ich mich in Ruhe fertig machen konnte. Ich freute mich, schon Leute gefunden zu haben, mit denen ich starten konnte, und so machte ich mich mit ihnen um ca. 7 auf den Weg, wobei ich leider meine weißen Ersatzchucks tragen musste, da meine blauen vom Vortag noch nass waren.

Das schwerberühmte Schild - jetzt schon wieder im Internet.

Das schwerberühmte Schild – jetzt schon wieder im Internet.


Wir waren noch nicht aus dem Ort draußen, als Marion total aufgeregt wurde. „Das Schild, das Schild! Das ist auch im Internet!“ Mit diesem hochberühmten Schild mussten also direkt ein paar Bilder geschossen werden, dann konnte es weiter gehen.
Corpus Delicti

Corpus Delicti

In Roncesvalles hatte es zwar ein paar Automaten in der Küche gegeben, aber da war nichts drin gewesen, was mich besonders angemacht hätte, also wartete ich auf das nächste Dorf, um mir etwas zu essen kaufen zu können. Umso schlimmer, dass der Pilgerführer hier völlig versagte.
Alle schienen müde zu sein, jedenfalls redeten wir nicht viel, bis wir an ein Kreuz am Wegesrand kamen. Das steht doch im Führer, dachte ich, packte ihn aus und kreischte auf. „Wir sind erst VIERHUNDERT METER gegangen?!“
Alle versammelten sich sofort um mich und wir waren uns einig, dass DAS unmöglich stimmen konnte. Wir waren doch schon ewig unterwegs! Mindestens aber 20 Minuten!

An der Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass meine Kilometerangaben sich alle auf das Outdoor-Handbuch des Conrad Stein Verlags stützen… sollte da irgendwas nicht stimmen, übernehme ICH keine Verantwortung!

Wir fanden schließlich das nächste Dorf und auch einen Supermarkt, wo ich mir was zum Frühstück besorgen konnte, dann ging es durch den Wald und an Feldern vorbei. Es war immer noch ein bisschen langweilig, bis Sarah uns plötzlich auf dieses hier aufmerksam machte:
IMG_1885
Zuerst erschraken wir, dann fingen wir an zu rätseln. Wie kommt ein so großes SOS mitten auf den Berg? Ist das Ernst gemeint und wenn nicht, was für eine Bedeutung hat es dann? Meine Phantasie versagte hier völlig, davon abgesehen, dass „Eso es“, was ganz ähnlich wie SOS ausgesprochen wird, auf spanisch sowas wie „So ist es“ heißt, aber das schien mir doch ein wenig haarsträubend und außerdem erklärt das genauso wenig.

Der weitere Weg durch den Wald war recht ereignislos, davon abgesehen, dass er irgendwann plötzlich gepflastert war, was in diesem Setting einfach irgendwie falsch aussah. Da hatte wohl jemand den Pilgern einen Gefallen tun wollen und ist dabei gründlich über’s Ziel hinausgeschossen. Nicht nur wirkte es total Banane, so ein Untergrund wäre auch total rutschig, sobald es ein bisschen regnet.
Eine frische Pflasterstraße mitten durch einen ziemlich dschungelartigen Wald – stellt es euch einfach mal bildlich vor! (Ich habe nämlich vergessen, ein Bild zu machen.) Wäre sie gelb gewesen, hätten wir im „Zauberer von Oz“ sein können.

Wir waren inzwischen schon ziemlich lange unterwegs und Simon hatte uns abgehängt, als wir einen Fluss überqueren wollten, der eine Landstraße überspannte. An der Seite konnte man allerdings bis runter zum kristallklaren Wasser.
Ich haderte mit mir. So eine Gelegenheit lasse ich mir eigentlich nicht entgehen, aber Sarah und Marion hatten andere Pläne (nämlich eine längere Rast im nächsten Ort), deshalb blieb ich allein zurück und eilte zum Fluss.
Es waren ein paar andere Pilger da, die allerdings bald aufbrachen. Ich konnte also in aller Ruhe die Schuhe von den Füßen reißen und sie ins eiskalte Wasser halten. Sooo geil!!!
IMG_1887Ich rauchte gemütlich eine und trocknete mir die Füße dann gut ab. Fünf Minuten Power-Cooling, das hat’s voll gebracht.
An dieser Stelle war eine Art Furt in den Fluss gebaut, wo das Wasser nur ca. 10 Zentimeter hoch drüber rauschte, allerdings hatte ich von einem anderen Pilger aufgeschnappt, dass sie zu glitschig wäre, um sie zu überqueren. Ich probierte es vorsichtig aus und merkte sofort, was er gemeint hatte. Also wieder zurück.

Während ich noch die Schuhe anzog, kamen drei Radpilger langsam angerollt. Sie waren im Begriff, die Furt zu durchfahren. „Attention! Äh, ingles?“
Es waren Italiener und sie konnten daher natürlich KEIN englisch, klar. „It’s slippery,“ sagte ich trotzdem und rieb mit einer Hand melodramatisch über meine ausgestreckte Handfläche. Das verstanden sie, allein war es ihnen egal. Der erste fuhr ins Wasser und bekam direkt Schlagseite, als der Fluss durch die Speichen rauschte, konnte sich aber noch halten, der zweite folgte direkt. Ich sah gespannt zu. So gespannt, dass ich den älteren Pilger zu spät sah, der, von Kopf bis Fuß ein echter Wanderer, ohne auch nur den Schritt zu verlangsamen durch den Fluss stampfen wollte. „Stop!!“ schrie ich, aber es war schon zu spät. Er setzte einen Fuß auf die Furt, rutschte und konnte sich gerade noch so halten, während der Fahrradfahrer neben ihm einfach unspektakulär umkippte.

Ich sah den dritten Radpilger mit einem triumphierenden „Ich hab’s ja gesagt“-Blick an. „Well, I will take the street,“ kommentierte er lakonisch.

Ich dagegen benutzte die Pfeiler, die daneben eingegossen waren und befand mich schnell wieder on the road. IMG_1889Kurze Zeit später hatte ich Sarah und Marion eingeholt, die es sich am Ende des nächsten Dorfes (Linzoain) neben einem Supermarkt gemütlich gemacht hatten und aßen. Ich packte auch mein Zeug aus und ließ mir erzählen, wie viel Stress sie gehabt hatten, um in diesem Laden überhaupt etwas zu finden, das nicht abgelaufen war. Die Salami, die Sarah gekauft hatte, roch dann auch richtig ranzig, aber stoisch aß sie sie trotzdem. Im Pilgerführer wird dieser Laden übrigens sogar noch besonders gelobt, worüber wir sehr lachen mussten!

Wir hatten eine lange Pause gemacht, aber bevor wir weiter gingen, wollte ich sehen, ob der Laden vielleicht Tee führte. Ich trinke ja leider keinen Kaffee, also muss ich auf grünen Tee zurück greifen. Zuhause mische ich ihn gerne mit Pfefferminz, also wollte ich nach beiden Sorten Ausschau halten.
Tatsächlich fand ich beides – megabillig! Da greif ich doch zu, dachte ich. Ich schleppte beides nach vorne, wo eine kittelbeschürzte spanische Omma saß und die Preise auf einem Block zusammen rechnete. Und da kostete der Tee unter 90 Cent plötzlich zwei Euro fünfzig!
Ich äußerte meine Überraschung, woraufhin sie ein paar kleine Mädchen, die sich im Laden aufhielten, mit der Packung Grünen Tee zurück zum Regal schickte und dabei irgendwas schnatterte. Zurück kamen sie mit NOCH einer Packung Pfefferminz. Ich schüttelte den Kopf – was soll ich mit zwei Packungen Pfefferminz? Sie verstand aber offensichtlich nicht, was ich sonst von ihr wollte, also nahm ich die überflüssige Packung und ging selbst zurück.
Am Regal merkte ich, dass 1. die Preisschildchen kaum den Produkten zuzuordnen waren und 2. der angebliche Grüne Tee eigentlich eine Grüner Tee/Minzmischung war, womit ich den Pfefferminztee überhaupt nicht brauchte. Also ging ich damit zurück und gab der Omma zu verstehen, dass ich nur den haben wollte.
Ich sah, wie sie beide Tees zusammen rechnete: 0,83 Euro für den Minztee, 1,30 für die Mischung, die laut ihrer Aussage vorher noch 2,50 gekostet hatte. Ich schüttelte den Kopf, ich wollte doch nur die eine Packung! Das verstand sie endlich auch. „Uno-cincuenta,“ verlangte sie und meinte den Tee, der zwei Sekunden vorher noch 1,30 gekostet hatte und eine Minute vorher noch 2,50.

Mir war es zu anstrengend, das auszudiskutieren, also bezahlte ich und ging.

Danach hatten wir nur noch 7 Kilometer vor uns, aber wieder mal ging es ziemlich steil hoch auf steinigen Wegen. Auch war es langsam richtig heiß geworden.IMG_1893
Ich blieb bei Marion und Sarah, obwohl ich auch schneller hätte laufen können, weil die Zeit mit Gesprächen schneller rumging, aber irgendwann merkte ich, dass mich die Kräfte verließen, also zog ich an und ließ sie hinter mir. Lieber schnell ankommen, solange ich noch kann…

In Zubiri wartete Simon vor der erstern Herberge und war geistesgegenwärtig genug gewesen, für uns zu reservieren. Einen Ordnen hätte ich ihm am liebsten verliehen! Ich wartete zusammen mit ihm und konnte endlich meinen geliebten Kas, eine spanische Orangenlimo, viel viel geiler als Fanta, aus einem nahen Automaten ziehen.
Bald darauf kamen auch Marion und Sarah und setzten sich auch erstmal hin.
Während wir so da saßen, kam eine Tussi an, die mir schon vorher aufgefallen war, weil sie über den Camino stolzierte wie über einen Laufsteg. Auch ihr winziger Rucksack zog meinen Blick auf sich.
Ich machte eine Bemerkung über sie, woraufhin Simon mich auf etwas noch schlimmeres aufmerksam machte: Sie SELBST trug zwar so ne Art Schulrucksack mit vielleicht 3, 4 Kilo, ihr FREUND dagegen einen richtigen Wanderrucksack, der bis oben hin bepackt war. „Boah, wie peinlich!!!“ stieß ich aus. Denn ohne Scheiß, ist das nicht erbärmlich? Als Frau den Camino gehen und sich von seinem Freund das Gepäck tragen lassen?
Ich war völlig von den Socken, aber die anderen teilten mein Entsetzen nicht so. Sarah fand das süß, Marion hatte auch nichts dagegen und auch Simon konnte daran nichts schlimmes finden. Unglaublich! Ich meine, dass der Typ 1, 2 Kilo mehr schleppt, okay – er schien ja auch stärker zu sein. Aber das!! Ich würde mich so schämen für mich selbst!

Dieses Horrorpärchen zog ab und wir dafür in unser Zimmer. Es war ein 8-Bett-Zimmer mit Stockbetten, die außer uns von ein paar Italienern und einem Ami belegt waren, der uns sofort überschwänglich begrüßte. Ein paar Minuten später wussten wir alles über ihn (bis auf seinen Namen). Vielleicht der netteste Ami, den ich je getroffen habe!

Die Herberge lag am selben Fluss, in den ich mittags meine Füße gehalten hatte, also suchten wir uns einen schönen Platz und chillten für den Rest des Tages, unterbrochen nur von einer Einkaufstour. Da die Herberge nur eine Mikrowelle hatte, nahm sich einfach jeder von uns eine Dose Ravioli und damit war das Problem auch erledigt.

Und noch ein Problem erledigte sich: Ich konnte endlich kacken 😀 \o/

Vielleicht kennen einige von euch ja das Problem: Ich nenne es einen Reisedarm. Bei mir macht alles zu, sobald ich das Haus verlasse. Es spielt wohl noch mit rein, dass ich zuhause täglich literweise grünen Tee trinke. Das war dann auch die einzige Methode gewesen, die wirklich hilft: literweise Grüntee mit Zitrone. Das kochte ich mit der Mikrowelle und ein paar Stunden später war ich zwei Kilo leichter. Zum ersten Mal seit drei Tagen… ein Traum! Und erfahrungsgemäß verhält sich der Reisedarm, sobald sein Tabu mal gebrochen ist, wieder ganz normal.

Tja, too much information, aber das gehört zum Camino auch dazu 😀

Als ich drinnen darauf wartete, dass mein Tee kalt wird, sprach mich der Ami wieder an. Stolz zeigte er mir Bilder von seinem jüngsten Neffen, der erst ein paar Monate alt war. Logan hieß der Kleine. „Ist dein Bruder vielleicht ein Marvel-Fan?“ stellte ich, wie ich finde, eine naheliegende Frage, woraufhin er mich mit großen Augen anstarrte und stammelte „Ja… das ist er tatsächlich… darauf bin ich noch gar nicht gekommen!“
Er will ihn nun fragen, sobald er aus Europa wieder zurück ist. Was seine Schwägerin wohl dazu sagt…

Der Rest des Tages wurde am Fluss verbummelt, der leider nicht tief genug zum Schwimmen war, aber trotzdem ein schönes Plätzchen bot. Bisher geht’s mir ganz gut, von meiner kleinen Fußblase abgesehen und den geradezu höllischen Muskelkater in den Waden, welchen mir die vorausgegangene Etappe beschert hatte. Komischerweise keine Spur davon in Oberschenkeln oder Hintern, aber darüber beschwere ich mich sicher nicht.

Stimmung: Müde, aber noch guter Hoffnung!

Der „Du gehst in DEN Schuhen?!“-Ticker: 5 (+1)

Kosten
1,05 Brötchen + Müsliriegel
1,20 Stück Kuchen
1,50 Packung Tee
1,20 Dose Kas
10,00 Albergue
1,95 Dose Ravioli
0,29 Zitrone
1,00 Dose Bier
= 18,19 €

3. Etappe

3. Etappe

Liveblog 3, 1. Etappe: Saint-Jean-Pied-de-Port – Huntto (5,4 km)

Kaum hatte ich den Beitrag fertig geschrieben, bekam ich wirklich hämmernde Kopfschmerzen. Dazu wurde mir kotzübel.

Klar waren das zwei harte Tage gewesen, aber ich habe trotzdem auch die Oliven in Verdacht. Eigentlich hatte ich bei meiner Bestellung mit Oliven, Sardellen und ein bisschen Brot gerechnet, stattdessen kamen halt nur Oliven mit Sardellen-Füllung. Und davon nicht wenige.
War nicht ganz das, was ich wollte, aber weil ich dafür schon 3 Euro bezahlt und ziemlich Kohldampf hatte, aß ich die ganze Schüssel leer. Sowas teilt man sich normalerweise mit ein paar Leuten… Naja, wenigstens gegen die Kopfschmerzen warf ich eine Ibu ein und machte mich nach 10 Minuten auf den Weg.

Ich machte noch einen kleinen Abstecher in die Touristeninfo wegen Internet. Dann wollte ich auf den Camino und verlief mich augenblicklich.

Das muss man sich mal reinziehen! Der Startort des Jakobswegs der Jakobswege, der gottverdammte HAUPTWEG, und ich finde nicht raus!? Klar, wenn man an jede Ecke Muscheln und Pfeile hingeklatscht… mehrere Straßen schienen nur aus Souvenirläden und Touristenfallen bestehen und die wollen ja auch ausgeschildert sein.

Rückseite der Zitadelle. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich finde das irgendwie höllencool.

Rückseite der Zitadelle. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich finde das irgendwie höllencool.

Jedenfalls ging ich an einer dieser Straßen angekommen nicht rechts nach unten, sondern links nach oben und drehte mal ne schöne Runde um die Ruine der Zitadelle von Saint-Jean. Total unnötig, aber so kann ich wenigstens behaupten, auch ein wenig Kultur mitbekommen zu haben.

Danach wollte ich nichts mehr riskieren, weil es inzwischen schon fast halb 7 war. Ich hatte noch in Bayonne in der Herberge in Huntto telefonisch reserviert, weil der Pilgerführer das empfiehlt, aber die Dame am Telefon hatte mir keine Zeit genannt, zu der ich da sein sollte. Normalerweise werden die Betten nicht ewig freigehalten.
Ich latschte also ein wenig zurück, weil ich zuvor ein Büro der „Pilgerfreunde“ erspäht hatte, eine Art Pilgerinformation, wo man mir sicher helfen konnte.

Tatsächlich sprach die sehr nette Dame dort sogar deutsch und rief für mich in der Herberge an. Kaum hatte sie aufgelegt, wurde sie aber plötzlich sehr hektisch. Huntto, so teilte sie mir mit, sei noch zweieinhalb Stunden entfernt und deshalb sollte ich mich dringend beeilen. Vor allem – und das schien sie wirklich für eine Katastrophe zu halten – könne ich am nächsten Tag nirgendwo zwischen Huntto und Roncesvalles einkaufen oder essen und ich müsste mir daher noch dringend Proviant besorgen.

Sie zeichnete mir einen Supermarkt ein und den Camino, dann konnte ich wieder los. Im Supermarkt (eigentlich eher so ne Art Tante-Emma-Laden, spanisch Alimentación) kaufte ich eine französische Salami und Käse, musste dann aber sehen, dass es kein Brot gab. Die Verkäuferin sagte mir, dass ich ein paar Läden weiter noch was bekäme, womit ich den richtigen Supermarkt dann doch noch fand -.- (ich hab mal auf nen Preisvergleich verzichtet…)

Ich stapfte los und kam bald um kurz vor 7 am Ortsrand an einem Schild an, das die Entfernung nach Huntto mit 4,7 km angab und dafür 1:45 Stunden veranschlagte. Das machte mich dann schon ein bisschen fertig. Was stimmte denn jetzt, 2:30 Stunden oder 1:45? Überhaupt, warum so lang? Okay, es sollte unglaublich steil nach oben gehen, aber trotzdem, das sind ja weniger als 3 km/h! Auf geraden Strecken gehe ich normalerweise 4… und selbst DAS ist schon sehr langsam.

Half nix zu grübeln, ich musste weiter. Und tatsächlich ging es kurz hinter dem Ortsausgang schon pfeilgerade in die Höhe. Booooah! Ich schmiss mich in meinen Pilgerstab und biss die Zähne zusammen. Ich war völlig allein. Das war einerseits gut, weil so niemand sehen konnte, wie ich mich abquälte, aber auch seltsam. Wollte niemand mehr an diesem Abend nach Huntto? Der Pilgerführer empfiehlt, die Strecke Saint-Jean – Roncesvalles nicht in einem Stück zu machen… und nur in Huntto und ca. 2 km weiter gab es noch Übernachtungsmöglichkeiten.

Wahrscheinlich sind die alle schon da, dachte ich, denn als ich an diesem Nachmittag aus dem Bus gestiegen bin, war ich völlig überrumpelt davon gewesen, dass alle ganz genau zu wissen schienen, wo sie hingehen mussten. Zielstrebig waren alle ohne zu zögern Richtung Ortsmitte gerannt… dabei sah ich den meisten an ihren nagelneuen Klamotten an, dass dies ihr erster Camino war! Ich kam mir irgendwie ein bisschen blöd vor. Als wüssten die alle was, was ich nicht weiß.

Wie gesagt, wenigstens konnte niemand die folgende Misere sehen. Okay, es WAR steil, und zwar so richtig höllenartig, aber mich schockierte es selbst, wie oft ich stehen bleiben musste! Aber so konnte ich mich wenigstens umsehen. Bergige Landschaft natürlich, mit viel, viel Grün! Das gefiel mir doch gut. Wenn es jetzt nur noch flach wäre…
IMG_1849
Um mich ein bisschen abzulenken, kramte ich meinen iPod raus. Der leistet bei so etwas gute Dienste. Viele finden es ja gar nicht pilgermäßig, mit Musik auf den Ohren zu laufen, aber mir ist das scheißegal. Ich habe festgestellt, dass ich auf dem Camino Musik fast am meisten vermisse, also nehme ich sie jetzt mit.

Glotzt nicht so doof, habt ihr noch nie ne Pilgerin gesehen?!

Glotzt nicht so doof, habt ihr noch nie ne Pilgerin gesehen?!

Außerdem kann man damit tolle Spiele mit sich selbst spielen. Beispielsweise das „Ein Song, kein Stopp“-Spiel. Das geht so: „Okay, ich darf so langsam laufen wie ich will, aber bis das Lied zuende ist, darf ich auf GAR KEINEN FALL stehen bleiben!“

Ein tolles Spiel, vor allem bei schwierigen Steigungen. Es ging dieses Mal unentschieden aus.

An einem besonders fiesen Berg musste ich auf 500 Metern mindestens fünfmal stehen bleiben. Das ist doch nicht mehr normal, das. Wo sind nur meine Muskeln vom letzten Jahr hin?

Steil :(

Steil 😦

Dann ging ich um ne Ecke und war urplötzlich an der Herberge von Huntto. Und mein völlig beklopptes Hirn meinte doch tatsächlich: „Och, hätte ich das gewusst, hätte ich ja doch noch zwei Kilometer weiter zur nächsten Herberge gehen können.“

Aber nein, ich hatte reserviert und nach zwei Tagen mit kaum Schlaf sind 5,4 km mehr als genug! Etwas konsterniert registrierte ich allerdings, dass kein Mensch vor der Herberge saß. Ich hatte mir ein großes Hallo für mich Spätankömmling erwartet, stattdessen war da gar nix. Grmpf, okay, erstmal einchecken…

Im Übrigen hatte ich ziemlich genau 1:20 Stunden gebraucht, was für diese Steigung echt noch voll in Ordnung ist. An der Stelle fiel mir dann wieder ein, dass spanische Wegweiser etc. dazu neigen, die verbleibende Wanderzeit extrem zu übertreiben. Vermutlich, weil viele spanische Pilger über den Weg schlendern und an jedem Blümchen riechen. Naja, besser so als umgekehrt.

Ich hatte ohne Essen bestellt, aber als die Hospitalera (= Herbergsmutter) fragte, ob ich am nächsten Tag Frühstück haben wollte, stimmte ich völlig entkräftet zu. Das kostete zwar 5 Euro und demnach laut meinen Erfahrungen ziemlich genau 4 Euro mehr, als ein spanisches oder französisches Frühstück wert ist, aber ich hatte die Warnung der Frau aus dem Pilgerbüro noch im Ohr.

Außerdem musste ich ziemlich säuerlich feststellen, dass noch massig Plätze frei waren. Hätte ich mir also gar nicht so einen Stress machen müssen!

Huntto ist übrigens der erste Ort hinter der spanischen Grenze, aber die Leute in der Herberge sprachen trotzdem Französisch. Ich finde ja, Huntto klingt eher japanisch.

In meinem 6-Bett-Zimmer waren erst zwei Betten belegt, eines von einer jungen deutschen Pilgerin. Die hatte sich im Dunkeln in ihrem Bett vergraben und spielte mit ihrem iPhone. Etwas krampfig begrüßten wir uns und redeten kurz. Sie fragte mich, ob es mich stört, dass sie die Heizung im Bad belegt hatte, weil sie darauf ihre Wäsche ausgebreitet hätte. Die hat doch tatsächlich schon ihre Socken gewaschen! Nach FÜNF Kilometern!!

Ich sagte, dass ich nicht mehr waschen wolle. Sowieso werde ich meine Socken auf dem Camino exakt NULL Mal waschen. Diesen Tipp habe ich mal von einem anderen Pilger bekommen, weil das die beste Vorbeugung gegen Blasen sei, und da das bisher immer geklappt hat und außerdem meine Faulheit bediente, möchte ich das auch auf diesem Camino so halten.

Nur sagen wollte ich das nicht. Da wird man ja für einen totalen Assi gehalten!

Wir stellten uns auch vor, aber ich vergaß ihren Namen augenblicklich.

Andere Pilger waren auch nicht zu sehen, also bereitete ich mir auf der Terrasse allein mein Essen zu. Brot, Salami, Käse – ein Festmahl! Ich aß, bis ich angenehm satt war und hob den Rest für den nächsten Tag auf.

Dann klingelte ich einmal kurz bei meiner Mutter durch, die absolut fassungslos darüber war, dass ich in so kurzer Zeit über 1000 Kilometer per Anhalter hinter mich gebracht hatte – dann war Zeit für eine Dusche und für’s Bett.

Morgen geht es über die Pyrenäen – und das wird KEIN Spaziergang!!

Kosten
3,90 Salami
2,20 Käse
0,68 Apfel
0,87 Baguette
20,00 private Herberge, Übernachtung und Frühstück
= 27,65 €

1. Etappe

1. Etappe

Liveblog 4, 2. Etappe: Huntto – Roncesvalles (21,2 km)

Obwohl total fertig, hatte ich nicht gut einschlafen können. Irgendwie schob ich übelstes Kopfkino… aber irgendwann war ich dann doch weg.

Krasses einheimisches Bier, das ich leider erst morgens entdeckte und daher nicht mehr ausprobierte...

Krasses einheimisches Bier, das ich leider erst morgens entdeckte und daher nicht mehr ausprobierte…

Am nächsten Tag klingelte um 6 Uhr der Wecker. Nicht meiner, sondern der meiner Mitpilgerinnnen – die besagte deutsche Pilgerin und eine ältere Koreanerin. Die waren nachts so leise gewesen, dass ich mich kaum getraut hatte, auch nur zu schniefen. Ich schälte mich langsam aus meinen Decken, denn Frühstück würde es ja eh erst ne Stunde später geben.

Tatsächlich war meine Landsmännin nun viel umgänglicher (und ich vielleicht auch), also unterhielten wir uns ein wenig, bis es Frühstück gab. Das war genau, wie ich vermutet hatte: altes Baguette mit Butter und Marmelade. Ich schmierte mir zwei Stücke und machte das beste draus. Eigentlich mag ich nämlich gar keine Marmelade, aber die Spanier haben’s nicht so mit deftigen Frühstück, also passe ich mich dem auf meinen Caminos notgedrungen an.

Vor der Tür liefen schon die ersten Pilger aus Saint-Jean auf – total fertig! Ich war wirklich froh, dass ich mich am Abend davor noch die fünf Kilometer raufgequält hatte.

IMG_1857Kurz nach meiner deutschen Mitpilgerin machte ich mich auch auf den Weg – um 8 Uhr. Sündhaft spät für den Camino, aber mir steckte mein vorausgegangenes Abenteuer noch in den Knochen. Komischerweise hatte ich allerdings nicht den geringsten Anflug von Muskelkater, aber das wird sich sicher noch ändern…

IMG_1861Nebel lag malerisch über den Tälern, aber das konnte ich kaum genießen, weil der Weg genauso höllenartig steil weiterging wie am Tag davor! Aber das wunderschöne Panorama taugte wenigstens als Ausrede… wenn ich stehenbleiben musste, weil ich nicht mehr konnte, tat ich einfach so, als würde ich mir die Landschaft ansehen und machte ein paar (schlechte) Alibibilder.

Immer mehr Pilger tauchten auf, und alle hatten die selben Probleme. Der Aufstieg verlangte alles ab! Dafür war es zusätzlich unglaublich kalt. Von wegen, in Spanien braucht man keine langärmligen Sachen! Das hatte mein Mitbewohner letztes Jahr gemeint.

Je höher ich stieg, desto mehr kroch der Nebel heran und hüllte schließlich alles ein. Ich lief wie in einer Blase, völlig abgeschottet von den anderen Pilgern. Leider auch abgeschottet von der Aussicht. Man sah kaum 20 Meter weit!

Baum, ca. 10 Meter vor Orisson

Baum, ca. 10 Meter vor Orisson

Ich hatte gerade ein Bild von einem mystisch im Nebel schwebenden Baum gemacht, als ein paar Meter weiter sich plötzlich die Herberge von Orisson wie aus dem Nichts materialisierte. Es standen mindestens 15 Leute davor, aber der Nebel hatte alle Geräusche verschluckt.

Dort traf ich meine Zimmergenossin wieder, nebst dem deutschen Pärchen, das ich im Zug nach Saint-Jean getroffen hatte. Die Frau strahlte mich an, also gesellte ich mich zu ihnen und benutzte die Quelle. Davor war auch schon einmal eine Quelle gewesen. Hätte ich gewusst, dass ich in diesen 2 Kilometern gleich zweimal Wasser auffüllen kann, hätte ich darauf verzichtet, ein halbes Kilo Wasser mitzuschleppen!

Die drei wollten noch zur Toilette, also ging ich schonmal vor im Glauben, die würden mich eh gleich einholen. Tatsächlich sah ich sie die folgenden paar Kilometer immer wieder aus dem Nebel auftauchen, aber wieder zurück fallen. Ich konnte es kaum glauben – Leute, die genauso langsam laufen wie ich! Aber kurz zu warten, um sie aufschließen zu lassen, traute ich mich nicht. Vielleicht hatten die ja gar keinen Bock auf mich… da kommt dann wieder mein netter kleiner Minderwertigkeitskomplex durch :/

Ich vertrieb mir also mal wieder die Zeit mit mir selbst, hörte Musik und rechnete zum Spaß im Kopf aus, wie viele Meter ich während eines Songs zurück legte (nämlich 175 bei 3 km/h und einem Standard-dreieinhalb-Minuten-Song) und ähnliches. Danach fiel mir nichts mehr ein, was ich noch ausrechnen könnte und ich lief ein wenig bedrückt weiter.

An einem Kilometerstein hielt ich mich kurz auf, als plötzlich die drei Deutschen neben mir standen. Perfekt getimed! Wir liefen gemeinsam weiter.
Im Folgenden ging es etwas bergab, also konnten wir uns unterhalten. Ich erfuhr auch wieder den Namen meiner Zimmergenossin: Sarah. Die andere Frau, eine Lehrerin aus Bayern, war Marion und der Typ neben ihr, der doch nicht ihr Freund war, sondern ebenfalls nur eine Pilgerbekanntschaft, war Simon. Letzterer war allerdings ein wenig schweigsam und hängte uns bald ab.

Es war doch ganz schön, in der Gruppe zu laufen, wenn man das gleiche Tempo hat. Von dem mit Sicherheit atemberaubenden Ausblick konnte man eh nichts sehen, also verging die Zeit mit ein bisschen Schwätzen am besten. Nur an den Anstiegen fiel ich immer mal wieder zurück, aber ich schaffte es wieder aufzuschließen.
Uns allen verlangte es langsam nach einer Pause, aber es war viel zu kalt, um richtig anzuhalten. Doch plötzlich kam unsere Rettung in Sicht – ein Transporter, von dem ein Einheimischer einen Essenstand zum Verkauf aufgebaut hatte!
Von wegen, bis Roncesvalles gibt es nichts zu essen! Ich stürzte mich sofort darauf. Das grausige Marmeladenbaguette schien inzwischen vollständig verdaut und daher sahen die hartgekochten Eier richtig geil aus. Ich kaufte zwei, Sarah eins, und stolz packte ich mein Camping-Gewürz aus: Einen Schlüsselanhänger, in dem jeweils 2 Gramm Salz, Pfeffer, Paprika und Curry Platz hatten! (Warum ausgerechnet Curry erschließt sich mir allerdings nicht.)
Außerdem nahm ich mir noch einen Müsliriegel für den Weg und eine Dose Cola, denn das Koffein brauchte ich dringend. Danach ging es weiter, denn der Weg pfiff auch hinter diesem Transporter unangenehm kalt. Wir sehnten uns nach dem kleinen Häuschen, das im Plan eingezeichnet war, aber wie weit wir schon waren, ließ sich kaum sagen.
Es war sehr schwierig, irgendwelche markanten Wegpunkte auszumachen, bis wir zu einem Wegkreuz kamen, von dem die Straße nach links abzweigte. Der Pfeil dagegen zeigte geradeaus auf eine Wiese.

Sarah und Marion waren vollkommen davon überzeugt, hier eine im Pilgerführer geschilderte Alternative gefunden zu haben, da der reguläre Weg bei diesen Sichtverhältnissen zu gefährlich sei, und so liefen wir nach links, obwohl ich mir da gar nicht so sicher war. Daher wälzte ich im Gehen den Pilgerführer. Falsch waren wir gegangen! Die gefährliche Passage kam erst viel später. Also wieder zurück und in der dichten Suppe unseren Weg über die Wiese gesucht. Ein schemenhaftes Gebäude, das wir von unten ausgemacht hatten, erwies sich nicht als die ersehnte Hütte, sondern als eine einzelne Mauer.

Das war nicht gerade gemütlich, aber wir hatten schon 10 Kilometer hinter uns und ICH jedenfalls brauchte dringend eine Sitzpause. Wir quetschten uns irgendwie zu dritt hinter die Mauer, um wenigstens ein bisschen windgeschützt zu sein. Lange hielten wir es dort allerdings nicht aus, aber bevor wir weiter konnten, musste ich dringend pinkeln. Die andere Seite der Mauer bot sich an, aber was, wenn Leute kamen? Durch den Nebel sah man das erst sehr spät.

Ich riskierte es und hatte schon die Hose unten, als ein paar Schemen auf uns zugestampft kamen. Schnell riss ich wieder alles nach oben, als ich die Gestalten auch erkannte – ein paar Pfadfinder, die mit ihrem Pfarrer unterwegs waren, der sogar auf dem Camino seinen Talar trug! Bei so ziemlich jedem anderen wäre es mir ja noch halbwegs egal gewesen, aber vor einem Pastor will ich nicht gerade blankziehen o.O

Als diese seltsame Gruppe vorbei war, konnte ich endlich fertig werden und es ging weiter. Nach dieser Wiese kamen wir in einen Wald, der sich auf der rechten Seite immer wieder öffnete, um unergründlichen Abgründen Platz zu machen. Der Nebel stand auch da drin und es war absolut unmöglich, den Boden auszumachen, was vermutlich, bedenkt man meine Höhenangst, gar nicht so schlecht war.
IMG_1872
Sarah und Marion wollten wieder falsch latschen, aber ich wies sie auf das rot-weißes Kreuz hin, das bekanntermaßen (für mich) das Ende des Caminos an dieser Stelle markierte. Das zweite Mal, dass ich sie vor einem falschen Weg bewahrte! Ich war ziemlich zufrieden mit mir selbst. Überhaupt packte ich einige Jakobsweggeschichten aus und schmiss mit Tipps und Insiderinfos um mich. Ich musste mich irgendwann selbst bremsen… ich labere einfach viel zu viel (merkt man gar nicht, ne?).

Wir zählten die Anstiege, die noch zu bewältigen waren, und sehnten den Gipfel herbei, als wir endlich die schon erwähnte Hütte erreichten. Die hatte sogar einen Kamin, aber da wir wieder über Weide latschten und weit und breit kein einziger Baum zu finden war, war er logischerweise kalt.

Simon wartete dort auf uns und wirkte noch ein wenig wortkarger. Er hatte ein heftiges Tempo vorgelegt, was sich jetzt rächte. Ich finde es immer wieder schön, wie auf dem Camino auf diese Weise Geschlechterunterschiede keine Rolle spielen! Männer mögen stärker sein, aber das hilft ihnen gar nicht bei der Frage, ob sie am Ende auch ankommen.

Mir ging es bis dorthin im Übrigen ziemlich bombastisch! Meine Füße fühlten sich super an. Anscheinend waren meine diesjährigen Chucks wirklich perfekt eingelaufen. An keiner Stelle drückte oder zwickte es! Mein sonstiges Gefühl war dagegen zwiegespalten. Subjektiv war jeder Anstieg die pure Hölle und meine Kurzatmigkeit etwas, was mir wirklich Sorgen machte, objektiv fand ich, dass diese Etappe, die als schlimmste des gesamten Camino Francés gilt, trotzdem lange nicht so schlimm war wie einige der Etappen auf dem Camino del Norte. Und den hab ich immerhin auch geschafft!

Bei einem weiteren langgestreckten Anstieg kam ich gerade rechtzeitig oben an, um mitzuerleben, wie Sarah und Marion ein paar Spaniern begreiflich machen wollten, dass sie gerade im Begriff waren, die gefährliche Route zu wählen, und konnte darum einspringen: Das war IMMER noch nicht die betreffende Stelle! Die kam erst kurz danach.

Beide wollten dann schnell in den richtigen Weg einbiegen, als ich sie zurück hielt. Wir hatten gerade den Gipfel erreicht, den höchsten Punkt (1.420m) dieser Etappe! Sehen konnten wir allerdings immer noch nix.

IMG_1873Wir wählten den einfacheren Weg nach unten, der trotzdem noch steinig genug war. Mehrere Stellen waren auszumachen, wo Pilger ausgerutscht waren. Aber ohne besonders spekakuläre Zwischenfälle schafften wir es tatsächlich nach Roncesvalles – und das in nur (?) siebeneinhalb Stunden!

In diesem Ort gibt es im Prinzip nur eine einzige Herberge, die an das Kloster angeschlossen und für eine öffentliche Albergue ziemlich überteuert ist (10€), aber da sie nach dieser Tour von fast jedem angesteuert wird, können sie sich das leisten. Dafür begrüßte uns ein ziemlich gut gelaunter Hospitalero und witzelte darüber, dass Simon mit drei Frauen unterwegs ist.
Wir vier bekamen dann auch unser eigenes “Abteil” – denn in den Zimmern mit jeweils über 50 Betten waren immer vier (bzw. 2×2 Stockbetten) in Viererkabinen angeordnet. Das war komfortabler, als ich zu hoffen gewagt hätte.

Einziges Problem: Im gesamten Roncesvalles gibt es nichts zu essen zu kaufen, also musste ich wohl oder übel mein erstes Pilgermenü zu mir nehmen.
Spanien-Fact: In Spanien sind Tagesmenüs (menu del dia) sehr verbreitet – man bekommt für wenig Geld Vorspeise, Hauptgang und Dessert. Meist ist auch noch Wein oder Wasser dabei. Für Pilger ist es meist nochmal billiger, aber auch oft nicht sooo gut. IMG_1875
In diesem Fall konnten wir nicht auswählen, sondern die Kartoffelsuppe stand schon an unserem Platz, als wir (mit gut 30 anderen Pilgern) im Restaurant aufliefen. Die war ganz in Ordnung. Beim Hauptgang dann konnte man zwischen Fisch und Ente wählen. Ich bestellte letzteres und bereute das augenblicklich. Wann hat man schon mal ne gute Ente gegessen? Meistens ist das Ergebnis doch ziemlich wabbelig. Nicht so hier. Meine Fresse, was für ne geile Ente. Dazu (ziemlich fettige) Kartoffeln, danach noch nen Pudding – für 9 Euro voll okay! Auch wenn ich meinen Anstandsschluck Wein kaum runter bekommen hab.
Spanien-Fact: Bei diesen Menüs gibt es immer Rotwein, span. vino tinto dabei, der absolut grauenhaft ist, aber der Durst treibt es natürlich rein.

Kurz nach dem Dessert wurden wir auch schon rausgescheucht, weil die nächste Ladung Pilger bald abgefertigt werden sollte. Gemütlich ist anders, aber die Massen müssen halt versorgt werden… und außerdem war es sowieso bald Zeit für’s Bett. Die Etappe war stellenweise die pure Hölle gewesen, aber ich war doch besser durch gekommen, als ich gedacht hätte. Und weder meine Knie, noch meine Hüfte, noch meine Füße machten irgendwelche Zicken! Eine WINZIGE Blase am rechten kleinen Zeh, okay, aber das war’s. Da bin ich doch ganz anderes gewohnt.
Und nicht zu vergessen: Ich habe schon Freunde gefunden \o/

Stimmung: Gelöst – und vorsichtig optimistisch!

Der „Du gehst in DEN Schuhen?!“-Ticker: 4 (+4)

Kosten
1,00 2 Eier
2,00 Cola
1,00 Müsliriegel
10,00 Albergue
1,25 Wäschmaschine + Trockner (geteilt)
9,00 Pilgermenü
= 24,25 €

2. Etappe

2. Etappe

Liveblog 2, Anreise: Per Anhalter von Deutschland nach Saint-Jean-Pied-de-Port

Leute, stellt den Sekt kalt: Ich habe den Weg durch ganz Frankreich sowas von gerockt!! Aber von Anfang an…

Vier Stunden später als geplant Pünktlich verließ ich das Haus und machte mich auf den Weg zur Autobahnauffahrt. Kurz druckte ich mir noch meine möglichen Routen in einem Internetcafé aus und kaufte eine Straßenkarte von Frankreich in einem Buchladen, dann war ich on the road.

Bevor ich den Daumen rausstreckte, wollte ich noch eine Zigarette rauchen, musste aber feststellen, dass ich meinen Tabak, meine Hülsen UND mein Stopfgerät zuhause vergessen hatte.
Tja, was soll man dazu sagen. Manch eine hätte das wohl für ein Omen gehalten, um einfach direkt mit dem Rauchen aufzuhören, aber für mich ging das gar nicht klar. Grummelnd schulterte ich wieder meinen Rucksack und hoffte, schnell nur ersten Raststätte zu kommen, um mir neues Equipment kaufen zu können.

Ich habe mich vorher quer durchs Internet gelesen auf der Suche nach Tipps zum Trampen. Dabei habe ich gelernt, dass man am besten immer auf der Autobahn bleibt, weil es am Schwierigsten ist, überhaupt erst drauf zu kommen.
So war es dann scheinbar am Anfang auch. Mein ausgestreckter Daumen interessierte keine Sau. Die meisten sahen mich nicht mal an. Das erste Auto, das mich überhaupt registrierte, hatte das deutsche Kennzeichen GOA (keine Ahnung, wofür das steht!) und tatsächlich saßen lauter Typen mit Dreads drin, von denen mir einer freundlich zuwinkte. Ich winkte zurück. Allerdings waren sie zu fünft unterwegs und hatten sogar noch zwei Hunde dabei. Da passe ich nicht auch noch rein.

Ich versuchte es etwa eine Viertelstunde, dann wechselte ich die Strategie. Wenn die nahe Ampel auf rot schaltete, rannte ich zu den Autos, die in Frage kamen und klopfte todesmutig an die Scheibe. Und tatsächlich hatte ich schon beim zweiten Auto Glück. Der Typ hatte sichtlich keinen Bock auf mich, aber er erklärte sich bereit, mich zur nächsten Raststätte mitzunehmen.
Er hörte so ne Art deutschen Stoner-Gothic-Rock, den man sich kaum reinziehen konnte, aber ich war einfach nur froh, auf die Autobahn gekommen zu sein. Auf der Raststätte dann erstmal Tabak besorgt und dann setzte ich mich hin, um mir mit Hilfe der Karte und meinen Routen die größeren Städte rauszuschreiben, an denen ich vorbei kommen würde (wenn ihr jetzt denkt, dass man sowas doch sehr gut vorher hätte machen können, denn hättet ihr Recht!).

Ich saß kaum fünf Minuten, da kam ein Typ mit Rucksack zu mir und laberte mich auf Englisch an. Noch ein Anhalter! Er fragte, wo ich herkomme und offenbarte auf meine Gegenfrage, aus „Drösden“ zu kommen.
„Oh, so we can stop talking english,“ erwiderte ich sehr intelligent.
Das haben wir dann tatsächlich hinbekommen. Wir unterhielten uns ein bisschen. Er wollte nach Lyon, weil er dort ein Auslandssemester machen wird, und sich schon mal ein bisschen die Stadt ansehen. Getrampt ist er laut eigener Aussage schon überall in Europa und sogar im Nahen Osten. Der Jakobsweg dagegen, so konstatierte er mir leicht abfällig, sei ihm zu „poppig“. Grmpf!

Er bastelte sich schließlich ein Schild, weil er bisher wenig Glück gehabt hatte, ich dagegen wollte es bei den Tankern probieren. Kaum dämmerte, nachdem ich einige Lastwagenfahrer angelabert hatte, langsam die Erkenntnis, dass diese Uhrzeit offensichtlich extrem ungünstig war, weil alle Pause machen wollten, fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Ganz klasse. Dem entkommen konnte ich nur, indem ich tapfer weiter fragte. Irgendwo musste er doch sein, mein feinripp-behemdter brummiger Trucker mit gewaltigen Schmerbauch und einem Herz aus Gold!

Aber das war wirklich schwierig. Die Trucker machten Pause und ansonsten registrierte ich nur Autokennzeichen aus der näheren Umgebung. Die fahren bestimmt nicht so weit. Doch schließlich entdeckte ich tatsächlich ein Auto mit einem Kennzeichen einer deutschen Großstadt und sprach den Typen (ca. Mitte Vierzig) an.
Meine Taktik: Ich fragte erst (mehr oder weniger unverbindlich), wohin die Leute unterwegs waren und wenn mir die Antwort passte (deswegen hatte ich die Städte rausgeschrieben), bettelte ich um eine Mitfahrerlaubnis. Und – ich konnte es kaum glauben – ich hatte bei diesem Kerl tatsächlich Glück! Er wollte nach Dijón. Damit hatte Möglichkeit 2, die mir der Routenplaner ausgespuckt hatte, gewonnen! Mir war es Recht.

So ganz schien er der Sache nicht zu trauen, aber er willigte schließlich ein, mich mitzunehmen. Damit hatte ich tatsächlich schon jemanden gefunden, der mich bis nach Frankreich mitnimmt!

Er wollte mir allerdings partout nicht glauben, dass ich über Dijón fahren musste, obwohl ich den Plan direkt vor mir hatte. Erst an der nächsten Raststätte konnte ich ihn überzeugen. Bis dahin – ich hätte es kaum zu hoffen gewagt – unterhielten wir uns sehr nett. Er ist Uni-Professor und war dazu auch noch irgendwie schnuckelig. Graumelierte schwarze Haare, hellblaue Augen… hach!

An der Raststätte kaufte ich mir dann noch einen besseren Plan, in dem auch die Raststätten verzeichnet sind. Der schien mir wesentlich nützlicher zu sein.

Er fuhr sogar extra einen kleinen Umweg, um mich an einer strategisch günstigen Raststätte kurz hinter Dijón rauszulassen. Von dort aus wollte ich sehen, wie weit ich jetzt kommen kann. Es war ja erst Viertel nach Sechs!

Zuerst aber mal Pause. Ich ging hinter den Rastplatz, um zu rauchen, und stolperte dort über einen weiteren Backpacker. Auch ein Deutscher! Aber ansonsten… naja, ich lasse dieses kleine Gesprächsprotokoll sprechen:

Typ: „Hallo.“
Ich: „Hi!“
Typ: „Bist du allein?“
Ich: „Jaaa.“
Typ (tätschelt mir den Arm): „Wow, das ist ja toll! Das finde ich richtig toll.“
Ich: *gespielte Bescheidenheit
Typ (lächelt): „Hallo.“
Ich: „Hallo!“
Typ: „Ist das toll. Darf ich dich umarmen?“
Ich (mit verrutschenden Lächeln): „Äh-häää, lass mal, hihi.“
Typ (lächelt): „Hallo.“
Ich: „Äh… wo kommst du denn her?“
Typ: „Ich bin seit 15 Jahren unterwegs.“
Ich: „Oh. Äh. Cool.“

Nachdem er mir noch ein paarmal den Arm getätschelt hatte und mich einmal sogar beinahe tatsächlich umarmte, nuschelte er etwas davon, dass er unterwegs ist, seitdem er vor 17 Jahren auf Korsika einen Unfall mit einer Kuh gehabt hatte. Ähm, Oh-KAY!? Ist mit „Korsika“ vielleicht das Kellerzimmer eines Kumpels gemeint und mit „Kuh“ eine beträchtliche Menge LSD?

Manch einer kommt mit solchen… ich nenne es mal „interessanten Persönlichkeiten“ gut klar; ich allerdings nicht. Zudem täschelte er mir schon wieder den Arm. Ich lächelte beherrscht und versuchte, Abstand zwischen uns zu bringen. Er stank wie die Hölle.

Als er mitbekam, dass ich heute noch ein Stück weiter wollte, meinte er, falls ich jemanden finde, der mit mitnimmt, solle ich doch fragen, ob er dann auch noch mitkönne. Und als er dann noch hörte, was ich eigentlich vorhatte, sagt der doch tatsächlich zu mir: „Nimmst du mich mit?“
„Naja, wenn du willst,“ meinte ich unbestimmt, aber innerlich schlug ich die Hände über den Kopf zusammen. Welcher Autofahrer würde mich denn noch mitnehmen mit DIESER Begleitung? Und wie könnte ich das 5-6 Wochen auf den Camino aushalten? Der Kerl bekam ja kaum einen geraden Satz heraus!

Jedenfalls beschloss ich, mich wieder auf den Weg zu machen und fing an, mir eine Mitfahrgelegenheit zu suchen. Damit sah es allerdings recht mau aus. Ich traute mich nicht, Franzosen anzusprechen, weil ich ja halt kein Französisch kann, aber viele Ausländer waren nicht unterwegs. Ich drehte etwa drei Runden, aß zwischendurch noch ein teuren Raststättenbagel (sah hammergeil aus, schmeckte bäh) und schaffte es dann mit Händen und Füßen, der Verkäuferin ein Stück Pappe abzuschwatzen. Dann probiere ich es halt mal so!

Der nächste größere Ort in direkter Strecke war Clermont-Ferrand, also kritzelte ich das auf mein Schild. Kleine Etappen, nicht vergessen!

IMG_1837Ich setzte mich an die Ausfahrt und hatte tatsächlich schon nach zwei Zigaretten Glück! Eine Frau mit französischen Kennzeichen hielt für mich an und wollte tatsächlich die ganze Strecke fahren! Der Hammer! Das Drogenopfer ließ ich erbarmungslos in Stich.
Wir begannen ein stockendes Gespräch auf Englisch, bis sie mich nach meiner Herkunft fragte. Ich zermarterte mir das Hirn – wie heißt mein Heimatort auf englisch, französisch oder spanisch? Ich sagte es einfach mal auf deutsch, woraufhin meine Fahrerin überraschend auf Deutsch antwortete. Sie war nämlich eine Deutsche, die allerdings schon seit Jahrzehnten in Frankreich lebt! Wenn das nicht nochmal Glück war.

Die Fahrt, die bei dieser Teilstrecke nicht über die Autobahn führte, dauerte knapp drei Stunden. Keine Sekunde peinliches Schweigen! Meine Retterin war Anfang Fünfzig und früher selbst viel getrampt. Sie war sogar auf der Raststätte, auf der sie mich aufgegabelt hatte, nur rausgefahren, weil sie tatsächlich GEHOFFT hat, einen Anhalter zu erwischen!
Letztendlich fuhr auch sie einen kleinen Umweg, um mich bei einer guten Raststätte abzusetzen. Als ich die Autotür öffnete, schlug mir der betäubende Gestank nach Gülle entgegen. Hach, Landluft, fast wie zuhause!

Außerdem pfiff ein empfindlich kalter Wind, aber in der Raststätte bekam ich einen (total überteuerten) Tee. Ich wollte eine kleine Pause machen und dann weiter. Das nächste große Ziel war Bordeaux und weil nun jeder, der auf diese Raststätte fährt, diese Richtung einschlagen musste, konnte ich da doch nur Erfolg haben!

Leider erwies sich das als falsch. Auf dem Plan hatte das ganz anders ausgesehen, aber die Raststätte lag tatsächlich an einem Kreisel, womit es auch möglich war, wieder in die andere Richtung zu fahren. Das schränkte meine Möglichkeiten empfindlich ein. Zudem waren die Autos eher spärlich und wenn dann eins kam, war es meist voll mit Familien.

Das hätte ich mir an DIESER Stelle wesentlich leichter vorgestellt! Selbst die Lastwagenfahrer schien ich wieder zum falschen Zeitpunkt erwischt zu haben. Einer erzählte mir, dass er Pause macht, sein KOLLEGE aber weiter nach Bordeaux fährt. So verstand ich ihn jedenfalls. Als ich jemanden gefunden hatte, der übersetzen konnte, stellte sich dann leider heraus, dass sein Kollege noch sechs Stunden entfernt war und dann nicht nach Bordeaux fährt, sondern nach Nancy. Ob mir das was nützt?

Die Antwort war nein. Langsam wurde ich doch etwas verzweifelt. Es war so scheißkalt! Und langsam wurde ich echt müde. Dabei hatte ich eine Stunde zuvor noch eine euphorische SMS an meinem Mitbewohner geschrieben, in der ich mit meinen Anhalterkünsten prahlte und ankündigte, durchzumachen, bis ich in Saint-Jean angekommen bin.

Nach über eineinhalb Stunden kam dann allerdings tatsächlich ein kleiner Transporter mit einem gutgelaunten Franzosen angefahren, der bis nach Bordeaux wollte. Einer der anderen Lastwagenfahrer machte das für mich klar und schon konnte es weitergehen! Es war gerade Mitternacht durch.

Der Typ konnte nichts außer französisch, also fiel eine Unterhaltung flach. Ich solle doch versuchen zu schlafen, so viel verstand ich jedenfalls. Das versuchte ich tatsächlich, aber dass ich wirklich kurz geschlafen haben musste, merkte ich nur an dem leichten Fettfilm auf meinem Gesicht. Ich hasse es, in Autos zu schlafen.

Während der ganzen Fahrt lief Radio, aber das einzige Lied, dass ich kannte, war Green Day’s „Holiday“. In Frankreich gibt’s ja ein Gesetz, das einen hohen prozentualen Anteil an französischsprachigen Liedgut im Radio garantiert, aber es klang nicht so, als sei das der Qualität zuträglich.
Ich glaube ja immer, dass die Musik mir was sagen will, und hier war zumindest die Botschaft des Titels eindeutig. Ich freute mich!
(Die Stelle, in der sie „Sieg heil“ singen und darüber, dass der Eifelturm niedergebomt werden sollte, war übrigens rausgeschnitten.)

Nach drei Stunden ließ er mich an einer Raststätte kurz vor Bordeaux raus, weil er in die Stadt reinfahren wollte. Kurz hatte ich überlegt, ob ich nicht mitfahren und mir ein Zimmer für die Nacht holen sollte, aber so viel Geld bezahlen, nur damit ich am selben Morgen schon wieder zeitig raus muss? Bin ich bescheuert?

Die Raststätte war ziemlich verwaist, aber wenigstens offen. Ich kaufte mir eines dieser ekelhaft matschigen Raststätten-Dreieckssandwichs und toaste es in einem extra Automaten, womit es nicht mehr matschig, sondern brüchig war. Auch das war wieder unnötig teuer. Warum hatte ich nicht einfach ein paar Sandwichs von zuhause mitgenommen? Irgendwie hatte ich diese Raststättenpreise nicht mehr auf dem Schirm gehabt.

Ich war dennoch total euphorisch, weil ich jetzt nur noch ca. 300 km von meinem Ziel entfernt war und fand, dass es bis jetzt unglaublich gut geklappt hat! Aber mit der Weiterreise wollte ich ein paar Stunden warten. Da die Bank im Wartebereich der Raststätte allerdings so bequem war, breitete ich schließlich doch ein Lager aus, statt durchzumachen.
IMG_1839
Aus der nahen Spielecke tönte alle paar Minuten in exorbitanter Lautstärke das Lied „Old McDonald“, gesungen auf französisch von einem Kinderchor, und brach nach ein paar Sekunden wieder ab. Das nervte ein wenig beim Schlafen, aber ich denke, dass dies genau so beabsichtigt war. Nichtsdestotrotz schlief ich von halb 6 bis halb 9.

Ich hatte mir schon vorm Schlafen ein neues Schild geschrieben, das nun zum Einsatz kam. Nächstes Ziel sollte Bayonne sein! Aber wieder musste ich ziemlich lange warten. Schließlich hielt einer an, der zwar nicht nach Bayonne wollte, allerdings mich bis zu einer Raststätte kurz hinter Bordeaux mitnehmen wollte, von wo aus es nur noch Richtung Bayonne geht. Ein Mann, der mitdenkt!

Auch mit diesem Herren konnte ich mich leider nicht verständigen, aber während der einstündigen Fahrt strahlte er mich ununterbrochen an. Irgendwie schien es mir, als hätte er noch nie ne Frau gesehen.
Aber das war okay. Die Raststätte, an der er mich rausließ, war jedenfalls hochfrequentiert! Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis ich endlich meine Mitfahrgelegenheit nach Bayonne fand – ein junger, oberkörperfreier Baske, der mir schweigend eine Zigarette gab, sich ansonsten aber nicht mit mir unterhalten konnte.

Hinter Bayonne. Eine Minute nach diesem Foto wurde ich mitgenommen!

Hinter Bayonne. Eine Minute nach diesem Foto wurde ich mitgenommen!


Auf der zweistündigen Fahrt döste ich immer wieder weg, schreckte aber genauso oft wieder auf, nämlich jedes Mal, wenn er zu einer Mautstelle kam. Also ungefähr eine Million Mal. Maut nervt!

Unnötig kompliziert!

Unnötig kompliziert!

Er fuhr mich bis zum Bahnhof, denn ich wusste, dass von hier aus ein Zug nach Saint-Jean fährt. Die Strecke ist per Auto viel zu kompliziert, darauf hatte ich keinen Bock! Der nächste Zug sollte allerdings erst kurz vor 3, also in eineinhalb Stunden fahren. Schon jetzt war ich längst nicht die einzige wartende Pilgerin.

Im Zug drängte sich ein älterer Pilger auf meinen Nebensitz, bevor ich auch nur meinen Rucksack richtig vom Rücken hatte. Fängt ja super an. Als ich allerdings Anstalten machte, mir einen anderen Platz zu suchen, da ich nicht die ganze Fahrt über den Rucksack auf dem Schoß behalten wollte, ging er beleidigt weg.
Ich schrieb ein bisschen, bis der Zug nach kaum einer halben Stunde hielt. Das kann doch unmöglich Saint-Jean sein?! Aber alle packten ihre Rucksäcke und gingen raus. Ich haute ein deutsches Pärchen an, von dem ich erfuhr, dass wir umsteigen mussten – und zwar in einen Bus! Also doch wieder über die Straße! Hätte ich das gewusst, hätte ich auch genauso gut trampen können.

Naja – und nun bin ich hier! Ich habe es tatsächlich fast nur per Anhalter bis an die spanische Grenze geschafft!!! \o/

Gerade habe ich ein Schälchen Oliven geleert (heute hatte ich auch erst Raststättensandwichs) und werde jetzt gleich noch ein bisschen gehen.

Eigentlich will ich gar nicht, weil ich echt fertig bin und Kopfweh habe, aber ansonsten ist der Weg morgen so weit. Eine kurze erste Etappe ist ja auch mal schön.

Bleibt dran – es hat gerade erst angefangen 🙂

Mein erster Stempel!

Mein erster Stempel!


Kosten:
1,70 Routenplaner drucken
8,99 Straßenkarte Frankreich
19,34 Tabak, Stopfgerät, Hülsen
4,95 Raststättenbagel
2,90 Raststättentee
1,20 Raststättentee (ausm Automat)
3,95 Raststättensandwich
1,10 Fläschchen Wasser
4,99 Raststättensandwich
9,80 Ticket Bayonne – Saint-Jean-Pied-de-Port
2,90 Fläschchen Pepsi
5,50 Pepsi und Oliven (Saint-Jean)
= 67,32 €

Liveblog 1: Vor dem Aufbruch

Eigentlich sollte ich schon seit über zwei Stunden an der Autobahnauffahrt stehen, aber klar, es klappt nie so wie geplant. Ich bin erst um 8 Uhr aufgestanden, hab dafür aber nur dreieinhalb Stunden geschlafen. Die, äh, Vorbereitungen gestern Abend dauerten doch etwas länger als geplant. Ich meine, wusstet ihr, dass es Seiten gibt, auf denen 24 Stunden am Tag „Die Simpsons“ in Endlosschleife laufen?

Jedenfalls musste ich aber sowieso warten, weil die Waschmaschine gestern leider nicht gewaschen hat, als sie sollte. Die Tür stand nämlich auf. Das ist mir leider erst gegen 19 Uhr aufgefallen und deshalb hat die Wäsche noch etwas Morgensonne nötig gehabt.

Außerdem hatte die Tankstelle keine Straßenkarte von Frankreich. Auch das muss ich leider erst noch besorgen…

Gerade habe ich fertig gepackt und bin ziemlich sauer darüber, dass mein Rucksack laut Badezimmerwaage ganze 9,7 Kilo wiegt. OHNE Wasser. Ich habe keine Ahnung, wie DAS passiert ist. Letztes Jahr waren es knapp 7! Okay, der Laptop wiegt mitsamt den Akkuladekabel schon gut 2 Kilo, aber trotzdem :/

Leider kann ich wohl nichts mehr entbehren. Das macht mir jetzt schon ein bisschen Angst. Andererseits wird das erst richtig akut, wenn ich losgehe – und dafür muss ich ja erst mal nach Saint-Jean-Pied-de-Port kommen.

Funfact: Selbst wenn jemand jetzt in der Sekunde, in der ich mich an die Autobahnauffahrt stelle, mit quietschenden Reifen anhält und komplett durchfährt nach Saint-Jean, ist es völlig unmöglich, noch heute anzukommen. Cool, ne?

Tja, lässt sich nicht mehr ändern. Vielleicht hält ja ein Ferrari an. Der darf zwar in Frankreich nicht so brettern wie in Deutschland, was mir irgendwie auch erst ziemlich spät klar geworden ist, aber vielleicht ist dem das ja auch egal und mir auch.

Eine Blitzumfrage auf Twitter hat ergeben, dass ich versuchen soll, mit Schild zu trampen. Das hat den offensichtlichen Vorteil, dass die Leute wissen, wo ich hinwill. Der Nachteil: Es ist irgendwie megapeinlich. Aber Twitter hat gesprochen.

Natürlich schreibe ich auf das Schild nicht „Saint-Jean“ drauf, sondern gehe das in kleineren Etappen an. Das Schwierigste scheint sowieso zu sein, auf die Autobahn zu kommen, aber ab dann soll es laut der Auskunft von Profis flutschen. Auf Autobahnraststätten kann man die Leute nämlich gezielt fragen, ob sie einen mitnehmen, und wenn die erst mal Gelegenheit haben, in meine bittenden Rehaugen zu sehen, können die natürlich viel schwerer nein sagen!

Trotzdem bin ich inzwischen UNGLAUBLICH nervös, aber es nützt nichts – der Weg ruft! Und weil mein Rucksack so schwer ist, bin ich fast sicher, dass ich nichts vergessen habe.

Also, es geht los!